Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

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„Das wünsche ich uns allen. Einen friedlichen Tod“
Da gibt es die Fotografin, die Bilder von den wenigen Menschen macht, die den großen Brand vor so vielen Jahrzehnten überlebt haben, das Matheson Fire 1916, und noch nicht gestorben sind. Da gab es Boychuck, von dem sie sich Informationen hofft, der aber leider schon tot und begraben ist, als die Fotografin im Wald ankommt. Dort hat Boychuck wie ein Einsiedler gelebt, zurückgezogen von der Welt – gemeinsam mit Charlie und Tom. Sie wollen nichts mehr wissen von ihren Verpflichtungen, von ihrer Vergangenheit und ihren Angehörigen. Dies ist ihre Freiheit: zu leben und zu sterben, wo sie wollen. Und dann gibt es da noch Marie-Desneige, die mehr als 60 Jahre in der Psychatrie verbracht hat und die eigentlich gar nicht so heißt. Wobei vermutlich keiner der Alten noch seinen wahren Namen trägt – was auch gar keine Rolle mehr spielt, denn jetzt sind sie zusammen, jetzt sind sie, wer sie am Ende ihres Lebens noch sein wollen.

Jocelyne Saucier lebt angeblich an einem Ort mit nur zehn Menschen, im Wald. Das gibt mir, als ich es lese, zu denken. Sind die miteinander verwandt, kannten die sich vorher schon? Wer liebt wen, wie geht das zusammen? Und warum lebt man an einem solchen Ort? Auf diese Fragen werde ich wohl keine Antwort finden. So oder so kennt die Autorin sich aus mit dem, worüber sie schreibt: dem Leben fernab der Zivilisation. Dieses Buch mit dem sehr schönen Cover ist ebenso gut wie merkwürdig. Der Stil, in dem es geschrieben ist, ist höchst eigenartig: Die Perspektiven wechseln, mal ist die Fotografin eine Ich-Erzählerin, dann nicht mehr, und ein allwissender Erzähler gibt regelmäßig einen Zwischenstand bekannt, wie weit die Geschichte schon gekommen ist und was ihr noch bevorsteht. Das finde ich manchmal verwirrend, generell aber ganz originell.

Überhaupt punktet Ein Leben mehr mit dem Faktor, sehr originell zu sein: Ich hab schon viel gelesen, aber so etwas tatsächlich noch nicht – weder stilistisch noch inhaltlich. Auch die Story an sich ist endlich mal was völlig Neues. In den nordkanadischen Wäldern war ich noch nie, über die Menschen dort weiß ich nichts. Umso mehr Spaß macht es, etwas über sie zu erfahren. Alt sind Jocelyne Sauciers Figuren, gewitzt, zäh und verlogen. Sie sind Aussteiger, die sich nichts mehr scheren, um niemanden. Der Einblick in ihren Lebensabend inmitten einer Kifferplantage ist höchst vergnüglich und absolut lesenswert.

Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-458-17652-7, 192 Seiten, 19,99 Euro). Sehr schöne Besprechungen dazu findet ihr auch bei Literaturen und Leseschatz.

9 Comments

  1. Ein frohes Moin aus Kiel!
    Danke für die Erinnerung durch schöne Deine Besprechung!
    Dankeschön für den Link zum Leseschatz!
    Herzliche Grüße, Hauke

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  2. Kathi

    So, soeben fertig gelesen. Romantisch-kitschig ist es ja schon ein wenig, vor allem am Schluss. Aber es hat was. Es bleibt definitiv im Gedächtnis.

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