Netter Versuch: 2 Sterne

Saša Stanišić: Fallensteller

Sasa„Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten“
Mo ist immer sehr schnell verliebt, und wenn Mo verliebt ist, dann gibt er alles. Dann schwimmt er zum Beispiel zum Floß von christlichen Menschenrechtsaktivisten, um seinem Schwarm Rebekka nahe zu sein. Ihretwegen fliegt er auch nach Stockholm, wo er das Gemälde einer syrischen Surrealistin stiehlt, das leider sehr hässlich ist. Auf der Romanija steht eine Fabrik, die von Hirten bewacht wird und vielleicht Jahreszeiten produziert. Die Hirten essen am liebsten Mars, und der kleinste Hirte hat, wenn er singt, die Stimme einer alten Frau. Georg Horwath fliegt nach Brasilien und steigt in das Auto von Ali, dem falschen Chauffeur auf dem Weg zum falschen Ort, was sich für Georg Horwath absolut richtig anfühlt. Und dann ist da noch die Uckermark, wo man sich an den Schriftsteller erinnert, der mal da war, und wo alle noch anzutreffen sind: Lada, der jetzt selbst schreibt, Zieschke und Ulli. Neu dazugekommen ist der Fallensteller, der angeblich alles fangen kann, Mäuse und Menschen, und der nur in Reimen spricht. Er ist geheimnisvoll, titelgebend und unergründlich – wie alle Geschichten in diesem Band.

Die Geschichte von Saša Stanišić und mir geht so: Vor acht Jahren las ich seinen hochgelobten Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert und den mochte ich so, dass ich beschloss, dass Saša Stanišić jetzt mein Freund ist. Es ist halt eher eine einseitige Freundschaft, von der er nichts weiß. Darauf folgte Vor dem Fest, ein Buch, das so anders war und wirr und verrückt, irgendwie manisch, aber Saša Stanišić da schon mein Freund war, hab ich ganz genau hingeschaut und hingespürt und hab mich reinfallen lassen in die Verschwurbeltheit. Und wie das so ist mit Freunden, manchmal siehst du sie nach Jahren wieder, und wenn sie den Mund aufmachen und reden, verstehst du nichts. Dann schaust du hin und spürst du hin und lächelst freundlich, aber innerlich denkst du dir: What the fuck? So ging’s mir nun mit dem Fallensteller. Während der Lektüre hab ich mich gefragt, ob das noch Genie ist oder schon Wahnsinn. Ich würde sagen: beides. Da sind Storys drin, die sind grandios und märchenhaft und tief. Es sind aber auch Storys drin, die sind einfach nur blöd, und welche, die klingen wie arabischer Singsang, unverständlich, einschläfernd, fremdartig.

Wenn ich mich als kleine Bloggerin nun negativ äußere über ein Buch, das gerade einen Staffellauf durch das Feuilleton macht, gelte ich, das hatten wir ja alles schon, als unwissend und unverständig. Eventuell bringt dann die Zeit wieder einen Artikel über die stumpfsinnigen Blogger, die keine Ahnung haben von Literaturkritik und nur Feenstaub verspritzen, und zitiert mich. Möglich. Und unerheblich. Denn auch wenn mir manche Metapher imponiert hat und manche Geschichte sehr poetisch war: Insgesamt ist der Fallensteller ein bisschen wie Porridge. Kann man mögen. Ist jetzt angeblich DER Trend. Schmeckt aber halt einfach nicht. Der Zauber, den alle dem Buch zusprechen, hat mich nicht mit Knistern überzogen, ganz nüchtern war ich, befremdet, abgestoßen. Viele Sätze sehen aus, als hätten sie sich einfach nur herausgeputzt mit schmucken Wörtern, ohne Gefühl. Vielleicht lag es an mir, denn bei allen anderen kam die Botschaft ja offenbar an. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phase in der Freundschaft von Saša Stanišić und mir, und ich bin, wenn ich mich erst einmal für jemanden entschieden habe, eine sehr treue Freundin, mit der man solche Phasen durchaus überstehen kann. Vielleicht ist es auch so wie in dem Zitat, das ich für den Titel gewählt habe: Wir müssen uns nicht immer verstehen und halten das auch aus.

Fallensteller von Saša Stanišić ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87471-5, 288 Seiten, 19,99 Euro). Nicht ganz so begeistert wie alle anderen ist übrigens die Besprechung von Zeilensprünge, nur so am Rande.

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