Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Francesca Melandri: Eva schläft

MelandriZwei stolze Frauen und ein umkämpftes Land
„Auch hier in den Bergen machten die Menschen, wenn die Emotionen überhandnahmen, den Mund fest zu, während der Blick offen blieb, so, als flehe man darum, vom Schweigen erlöst zu werden.“ Genau wie zuhause in Südtirol. Das fällt Gerda auf, als sie mit 16 Jahren in den Norden geschickt wird, um in einem Hotel zu arbeiten. Mädchen wie sie werden gemeinhin „Matratze“ genannt, doch Gerda ist keine Matratze. Sie ist von solcher Schönheit, dass niemand im Hotel es wagt, sie anzurühren. Schwanger wird Gerda aber trotzdem, von einem von zuhaus, einem Reichen, der nichts zu tun haben will mit ihr. Das Kind nennt Gerda Eva, und in ihrer Verzweiflung bringt sie es heim nach Südtirol, lässt es dort bei Verwandten zurück, die sie kaum kennt, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Heute ist Eva vierzig Jahre alt, und sie erinnert sich. Sie macht sich auf den Weg zu einem Mann, der ihr Vater hätte sein können vor all den Jahren, einem Mann, der im Sterben liegt und sie gebeten hat zu kommen. Auf ihrer Fahrt durch ganz Italien reist Eva zurück in die Vergangenheit: in ihre Kindheit, in der sie immer gewartet hat auf den Bus, der die Mama bringt, zu ihrem besten Freund Uli, der ihr so sehr fehlt, in die Zeit, in der sie eine Familie hätten sein können, sowie in die Geschichte Südtirols, dieses ebenso stolzen wie gepeinigten Landes, in dem die Menschen von Freund zu Feind zu Freund wurden und dabei aufs Glücklichsein vergaßen.

Ich kenne Francesca Melandri durch ihr großartiges Buch Über Meereshöhe. Als mir irgendwann in einer Buchhandlung ihr Erstling unterkam, hab ich trotz der Nur-ein-Buch-pro-Autor-Beklemmung, unter der ich leide, zugegriffen. Eva schläft ist ein Roman über Südtirol. Er enthält sehr viele Informationen und Hintergrundwissen, er erläutert und setzt in Bezug, ohne dabei je langweilig und belehrend zu werden. Ganz im Gegenteil. Vieles weiß ich noch aus der Schule und von der Uni, doch Francesca Melandri – die selbst lange in Südtirol gelebt hat – füllt die harten Fakten mit dem weichen Zauber der Fantasie, sie lässt Historie und Fiktion verschmelzen. Das ist sehr interessant und wirklich gelungen. Das Verhalten ihrer Figuren erklärt sich durch die Umstände, durch Krieg, Zwangsumsiedelung und Verrat. Die Menschen sind hart, schweigsam und zum Großteil sehr arm. Viele wollen etwas verändern, viele haben Angst.

Eva schläft ist zudem ein Buch über zwei Frauen: Eva selbst, eine abgeklärte, emotional stabile Frau Anfang vierzig, und Gerda, ihre Mutter, die ihr Leben lang schwer gearbeitet hat und immer allein geblieben ist – trotz ihrer überwältigenden Schönheit. Eva weiß viel über ihre Mutter, aber sie weiß eben nicht alles. Und das, was sie nicht weiß, betrifft auch sie selbst, hätte ihr Leben verändern können vor langer Zeit. Manche Entscheidungen haben so weitreichende Konsequenzen, dass auch Generationen nach uns sie spüren. Francesca Melandri ist eine grandiose Erzählerin. Die beiden Romane, die ich nun von ihr kenne, unterscheiden sich sehr stark. Beide sind auf ihre Weise über die Maßen lesenswert, beide kann ich euch absolut empfehlen. Ich würde mir sogar ein drittes Buch von dieser Autorin kaufen, und wer mich ein bisschen kennt, der weiß: Das heißt was!

Eva schläft von Francesca Melandri ist als Taschenbuch erschienen im Heyne Verlag (ISBN 978-3-453-40936-1, 448 Seiten, 9,99 Euro).

6 Comments to “Francesca Melandri: Eva schläft”

  1. letteratura

    Und auch hier: Ich mochte es sehr, nur ist meine Erinnerung nicht mehr so stark, da die Lektüre schon länger zurückliegt. Allerdings habe ich ihr zweites Buch nicht so stark in Erinnerung. Wir lesen anscheinend öfter mal in die gleiche Richtung 🙂

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