Für Gourmets: 5 Sterne

Ruth Ozeki: A tale for the time being

OzekiDas Leben ist eine Welle, du kannst nicht dagegen ankämpfen
„Hi! My name is Nao, and I am a time being. Do you know what a time being is? Well, if you give me a moment, I will tell you. A time being is someine who lives in time, and that means you, and me, and every one who is, or was, or ever will be.“ So beginnt dieses herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt – in ein leeres Notizbuch mit dem Umschlag von À la recherche du temps perdu. Und was für eine Geschichte das ist! Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo – ohne Geld, ohne Zuflucht, ohne Perspektive und vor allem ohne das Rüstzeug, um an einer japanischen Schule zu bestehen. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Niemandem erzählt sie davon. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts zu Tode und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen:

„The important thing was that we were being polite and not saying all the things that were making us unhappy, which was the only way we knew how to love each other.“

Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält sie nicht. Sie wirft es ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet, auf einer abgelegenen Insel, im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben? Was ist mit ihr geschehen? Ist von ihr nur noch die Erinnerung geblieben?

„Memories are time beings, too, like cherry blossoms or gingko leaves, for a while they are beautiful, and then they fade and die.“

Schon von den ersten Seiten an war ich ganz verrückt nach diesem Buch. Es hat mich sofort umwickelt, umgarnt, an sich gezogen und mitgenommen auf eine Reise an einen Sehnsuchtsort: Japan. Seit ich vor vielen Jahren an der Uni versucht habe, Japanisch zu lernen, übt dieses Land eine große Faszination auf mich aus. Ruth Ozeki hat selbst eine japanische Mutter – und sie hat sich auch selbst in dieses Buch eingebracht, zumindest vermute ich das. Ob die Kapitel aus Sicht von Ruth authentisch und autobiografisch sind, kann ich nicht beurteilen, aber die Parallelen und Ähnlichkeiten sind groß. Ihr Stil, mit dem sie die Nöte und Ängste des Teenagermädchens Nao einfängt, ist sicher und elegant. Keinen Augenblick lang habe ich das Gefühl, dass hier nicht tatsächlich eine Sechzehnjährige mit mir spricht. Nao ist ehrlich und direkt, sie sehnt sich und leidet und sucht. Was sie erlebt, zeigt erneut, was für ein Scheißhaufen diese Welt ist. Welchen Sinn gibt es für sie? Wie kann sie ihren Vater retten? Und wie wird man so gelassen wie eine 104-jährige buddhistische Nonne? A tale for the time being ist ein trauriges Buch und dennoch überraschend heiter. Es zieht mich nicht runter, es ist lebensklug und gewitzt und voller wunderschöner Botschaften. Sie treffen mich, überall im Buch, ich schreibe sie mir auf, möchte sie nicht vergessen. Genau wie diesen ganz besonderen Roman.

Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

6 Comments

  1. Ahhh Mist, das Buch habe ich in Japan im Buchladen in der Hand gehabt, mich dann aber doch für ein anderes entschieden. Muss ich aber wohl doch noch mal lesen :)

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  2. Yes, Nao und ihre zenbuddhistische Urgroßmutter Jiko – unvergessliche Romanfiguren!
    Das ist eines der Bücher, das ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde, um es wieder und wieder zu lesen!

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