Gut und sättigend: 3 Sterne

Synke Köhler: Kameraübung

Köhler „Der Alltag ist ein Schmetterling“
„Man muss sich ihm behutsam nähern, der Alltag ist kamerascheu, er flattert davon. Das Herkömmliche, Gewöhnliche soll in den Kasten.“ So steht es in einer von Synke Köhlers Geschichten, so gilt es auch für dieses Buch. Die deutsche Autorin, die an der Drehbuchwerkstatt München sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, erzählt darin vom Kleinen, das – zusammengesetzt in tausend Varianten – das große Ganze ergibt, von Momentaufnahmen und schmalen Szenen, gerupft aus fiktiven Leben.

„Ich hasse das Meer. Ich habe das Meer immer gehasst. Am liebsten sitze ich hier, in meinem schattigen Kabuff, und döse vor mich hin. Ich verstehe nicht, was die Leute hier wollen. Und ich weiß auch nicht, was ich hier soll. Die Sonne. Es ist viel zu heiß und viel zu hell.“

Das sagt einer, der am Meer lebt, auf einer Insel voller Touristen, mit einer Mutter, die hinter dem Haus begraben liegt. Eine andere Ich-Erzählerin wohnt in einem großen Haus zusammen mit einer Gruppe aus Freunden und Kindern. Es gibt dort keinen Handyempfang, dafür aber viel Grund. Auf diesem Grund sitzt eines Tages ein Mann, den niemand kennt und der da nicht mehr weggeht. Aus der Reihe tanzt auch eine Mutter, die während einer Wanderung einfach irgendwo abbiegt. Wie eine Kamera, ein Fotoapparat, nimmt Synke Köhler in ihren sehr kurzen Geschichten solche Augenblicke auf, hält sie fest wie auf einem Foto, das man betrachtet und wieder weglegt.

Ich habe Kameraübung schon vor Wochen gelesen, dann blieb es aus diversen Gründen eine Weile liegen. Als ich es jetzt wieder in die Hand genommen und meine Notizen dazu durchgeblättert habe, habe ich gemerkt: Ich kann mich an keine Geschichte erinnern. Nicht an eine einzige. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gut wären. Es heißt vielmehr, dass ich a) mein Gedächtnis nur selektiv nutze und b) dass die Short Storys sehr schlicht und aus dem Leben gegriffen sind. Sie kommen nicht kunstvoll aufgebrezelt daher, sie sind zurückhaltend und ja, doch, ein wenig unscheinbar. Ich hab sie alle gern gelesen, mit einem auf unspektakuläre Weise angenehmen Gefühl.

Kameraübung von Synke Köhler ist erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01024-5, 128 Seiten, 16,90 Euro).

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3 Comments

  1. sylvi29

    Kleine, feingeschliffene Geschichten mag ich sehr. Danke für den Tipp.
    Auch klein und fein ist Ulrike Schäfer, die ich auf der Buchmesse entdeckt habe. „Nachts, weit von hier“ ist bei Klöpfer&Meyer erschienen und gehört auch in die Reihe unabhängiger Verlage.

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      1. sylvi29

        Ja! Bei Ulrike Schäfers kurzer Lesung war ich völlig versunken. Das passiert mir nicht oft, schon gar nicht bei Messerummel drumherum. Die Texte fließen und sie bleiben, zumindest im Kern, weil ich glaube, sie zu kennen. Es war, als erzähle sie ein Stück aus meiner eigenen Erfahrungswelt mit besonderen Worten. Huch, das ist schon recht pathetisch. Aber so isses!

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