Netter Versuch: 2 Sterne

Karen Duve: Macht

thumb_IMG_9182_1024„Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht“
Im Jahr 2031 bezahlt die Menschheit die Rechnung für die Ausbeutung des Planeten: Die Welt geht unter. Zumindest fängt sie damit an. Wirbelstürme, Überschwemmungen, CO2-Kontingente für Benzin und Fleisch sind an der Tagesordnung. Die Regierung besteht aus Frauen – doch die Männer haben ihnen das Ruder nur überlassen, weil es unmöglich ist, das sinkende Schiff noch zu retten. In dieser Endzeitstimmung geht Sebastian Bürger in einem Hamburger Vorort zu einem 50-Jahre-Klassentreffen:

„Auf Klassentreffen geht es überhaupt nicht darum, was aus einem geworden ist, sondern es geht um das, was man einmal war. Je älter man wird, desto wichtiger ist es, Menschen zu treffen, die einen schon gekannt haben, als man noch jung war, ich meine echt-jung.“

Echt-jung ist hier nämlich niemand: Alle schlucken das Verjüngungsmittel Ephebo, das sie aussehen lässt wie Mitte zwanzig. Dass es Krebs auslöst, ist ihnen scheißegal – die Welt gibt es ohnehin nicht mehr lang. Als Sebastian auf seine Jugendliebe Elli trifft, erwidert sie endlich, Jahrzehnte später, seine Gefühle. Alles könnte für die letzten Jahre auf Erden so schön sein! Wenn da nicht Christine wäre – Sebastians Ex-Frau und Mutter seiner Kinder. Die hält er nämlich seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen, wo sie – in dem Radius, den ihre Halskette zulässt – Kekse für ihn backen und seinen Schwanz lutschen muss. Sebastians Meinung nach ist dies die natürliche „Haltung“ einer Frau:

„Wieso sollte ich Rücksicht darauf nehmen, dass jemand körperlich schwächer ist als ich? Das ist evolutionäres Pech. Damit hat das Schicksal demjenigen seinen Platz zugewiesen: unter meinen Stiefeln. Alles, was Frauen tun, können sie nur mit der Erlaubnis von uns Männern tun.“

Um mit Elli die frische Liebe zu leben, muss Sebastian Christine loswerden. Doch das ist schwieriger als gedacht …

Macht von Karen Duve ist ein höchst merkwürdiges Buch. Es spaltet die Leser und Kritiker – und auch mich. Während ich zu Beginn sehr angetan bin von der Idee, dem Setting und der gedanklichen Weiterführung gesellschaftlich relevanter Themen, denke ich zum Schluss: WHAT THE FUCK?! Karen Duves Plan von der Abschaffung der Welt ist prinzipiell genial: Sie zeigt, was geschehen wird, wenn wir weitermachen wie bisher. Der Klimawandel wird der Menschheit zum Verhängnis, der Point of no return ist überschritten, die Verjüngungspille Ephebo treibt den gegenwärtigen Jugendwahn auf die Spitze. Das ist herrlich perfide und sarkastisch – und derart realistisch, dass es mir Angst macht. So weit ist 2031 schließlich nicht mehr weg. Was all diese Ideen, Überlegungen und Weltuntergangsmomente angeht, merke ich jedoch ungefähr nach der Hälfte des Romans: Diese Welt des Jahres 2031 zu entwerfen, war bereits der ganze Geniestreich, der nicht weiter umgesetzt und entwickelt wird. Nun gut, vielleicht muss er das auch nicht. Er ist ja schon scharf genug.

Protagonist Sebastian ist ein Arschloch, wie es im Buche steht (Entschuldigung). Selbstherrlich, besessen, voller Hass auf Frauen im Allgemeinen und Christine im Speziellen. Er hält sie wie ein Tier, vergewaltigt und misshandelt sie und fühlt sich dabei stets im Recht. Für den Mut und das Einfühlungsvermögen, aus einer derart abartigen Perspektive zu schreiben, bewundere ich Karen Duve. Es zu lesen, ist jedoch schwer erträglich. Sehr schwer. Ich wechsle von Abscheu zu Übelkeit und zurück. Und dann? Hm. Es kommt mir vor, als hätte die Autorin sich mit ihrer psychisch kranken Figur, dem Kellergefängnis und dem Ende der Welt in eine Ecke geschrieben, aus der sie nicht mehr herauskommt. Also hat sie vielleicht beschlossen, einfach aufzuhören. Anders kann ich mir den abrupten, sinnlosen und irrsinnig langweiligen Schluss nicht erklären. Pffft, macht das Buch, als ihm die Luft ausgeht. Und ähnlich klingt auch das Geräusch meiner Enttäuschung.

Diesen Roman zu lesen, ist, als würde man angekotzt werden. Ein bitterer Schwall aus Hass und Intoleranz, Überheblichkeit und Gewalt geht auf mir nieder. Das nährt die Verachtung, die ich für die gesamte Menschheit hege. Ich hoffe, Karen Duve hat Recht und unsere Zeit auf Erden hat bald ein Ende, damit der Planet befreit wird von dem schlimmsten Parasiten, den er sich jemals eingefangen hat: uns.

Macht von Karen Duve ist erschienen bei Galiani Berlin (ISBN 978-3-86971-008-2, 416 Seiten, 21,99 Euro). Viele weitere kluge Worte über das Buch findet ihr bei Sätze & Schätze, auf zeit.de, faz.net und sueddeutsche.de, außerdem ein Interview mit der Autorin auf welt.de.

15 Comments

  1. Ich bin etwas verwirrt. Wie du das Buch beschreibst, klingt es das so, als müsste ich es sofort lesen. Denn ich würde gerne mal spüren wie das ist, von einem Roman angekotzt zu werden. Dann aber macht es Pfft.. und es geht ihm die Luft aus? Was denn nun?

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    1. Mariki Author

      Ich hab dir ja, direkt nachdem ich es gelesen hatte, gesagt, dass du es auch lesen und mit mir drüber reden sollst 😉 aber du wolltest nicht!

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        1. Mariki Author

          Das sollten alle! Auf mich hören. Nicht unbedingt dieses Buch lesen 😉 Vielleicht findest du es ja überragend … ich bin gespannt!

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  2. Liebe Mariki,
    den Eindruck, den Du hier so anschaulich beschreibst, nämlich, dass Dich der Roman angekotzt habe (ich meine fast, ich hätte auch noch einen Schwall abbekommen :-)), den habe ich schon gewonnen aus dem literarischen Disput des lesenswert Blicks auf die Leipziger Buchmesse. Und mir gedacht: nö, die nächste Dystopie lese ich jetzt einfach mal nicht und eine Diktatur der Frauen muss ich auch nicht erleben. Ich setze hier einfach mal aus und gehe nicht über Los.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Kathi

    Hier schließe ich mich deiner Meinung an.
    Ja, es ist ganz interessant, aber irgendwie wars das dann auch schon. Männer kommen auch nicht gerade gut weg in dem Roman, aus dieser Warte betrachtet überrascht es dann doch nicht mehr so, dass die Autorin eine Frau ist.

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