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Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann? 

TillerGute Idee in schlechter Umsetzung
David hat sein Gedächtnis verloren und weiß nicht mehr, wer er ist. Drei Menschen, die ihn gekannt haben, schreiben ihm Briefe. Diese drei sind: Davids Jugendfreund Jon, sein Stiefvater Arvid und seine erste Freundin Silje. Jon will als Musiker Fuß fassen und schafft es nicht, was jedoch weniger an mangelndem Talent als viel mehr an seiner destruktiven Art liegt. Die Beziehung zu seiner Familie ist eine Katastrophe, er kann keine fünf Minuten mit seiner Mutter und seinem Bruder in einem Raum sein, ohne dass der Hass in ihm hochkocht. Arvid ist dagegen inzwischen alt und hat resigniert. Der ehemalige Pfarrer erinnert sich an die Zeit mit David und dessen Mutter, die er beide sehr geliebt hat. Er berichtet auch von Davids Pubertät und all den Verletzungen, die dieser seinen Eltern zugefügt hat. Silje befindet sich in einem merkwürdigen Zustand: Sie liebt ihren Mann und ihre Kinder, fühlt sich aber gefangen in ihrem Leben. Sie wollte als Jugendliche etwas Besonderes sein und kommt jetzt mit ihrer 08/15-Existenz nicht klar.

Carl Frode Tiller ist ein bekannter norwegischer Autor, mit vielen Preisen bedacht und dutzendfach übersetzt. Ich fand, dass das Konzept seines Romans Kennen Sie diesen Mann? sehr spannend klang: dass jemand, der sich selbst verloren hat, Briefe von Menschen erhält, sie sich an ihn erinnern. Allein: Diese Briefe sind absolut uninteressant. Alle drei Schreiber drehen sich viel zu sehr um sich selbst, zerlegen ihr langweiliges Leben in alle noch langweiligeren Einzelheiten, geben zwar manches von David preis – aber lang nicht genug, um ihn als Person greifbar zu machen. Stattdessen erzählen sie in ihren Briefen von einer recht gewöhnlichen Vergangenheit, und in anderen Episoden erhalte ich Einblick in ihre Gegenwart, nicht in Briefen, nicht in der Ich-Form. Diese Gegenwart ist unglücklicherweise auch nicht interessanter, und der Kontrast zwischen damals und heute ist viel zu schwach, um irgendein Gefühl in mir hervorzurufen. Denn auch die Protagonisten haben kaum Gefühle außer Resignation, Hass und Enttäuschung. Zu allem Übel gleichen sich die drei Figuren bzw. die drei Teile des Buchs sehr stark: Allerorts wird nur gestritten, niemand versteht sich, keiner ist glücklich. Das zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, und Abwechslung davon gibt es nicht. Das ist deprimierend. Und anstrengend. Die Ausgangsfrage des Romans wird letztlich nicht beantwortet: Wer David ist, bleibt unklar – und was ihm geschehen ist, ebenfalls. Ein leider ganz und gar überflüssiger Roman.

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Kennen Sie diesen Mann? von Karl Frode Tiller ist erschienen im btb Verlag (ISBN 978-3-442-75616-2, 352 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. Wahrscheinlich ist kein Roman überflüßig, zumindest für den Autor wird er sehr wichtig gewesen sein und mich würde es sehr ärgern, so etwas über meine Texte gesagt zubekommen, was auch schon geschehen ist!
    Deshalb würde ich in einem solchen Fall eher schreiben, mir hat das Buch nicht gefallen oder ich habe mir beim Lesen schwer getan und man weiß ja nicht, wie es den anderen beim Lesen geht, die würden ihn vielleicht vermissen!

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  2. Das wäre eine Argumentation für das E-Book Lesen, aber dann haben wir dann die Fraktion der Tast-Riech-Schnüffler-Leseliebhaber am Hals.
    Ich denke, der Bücherreichtum oder die Macht der Blogger kann einem oder eine leicht verführen, zu sagen, da fahr ich drüber, das brech ich ab, denn das stiehlt meine Lesezeit, dafür bin ich zu schade, etcetera, aber ob man die Qualität eines Buchs nach sechzig Seiten oder so wirklich erfassen kann, das ist so eine Frage, liebe Grüße aus Wien!

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