Für Gourmets: 5 Sterne

Valerie Fritsch: Winters Garten

Fritsch„Wir proben den Weltuntergang in unseren Nächten, wir leiden beide an den gleichen uralten Träumen“
„Nur Wochen bevor die Welt untergehen würde, verliebte sich Anton Winter das erste Mal in zweiundvierzig Jahren unsterblich in eine beinahe durchsichtige Frau, eine Frau, dürr wie er selbst, mit geradem Rücken und geröteten Augen, die ihm kampfbereit entgegenblickten.“ Diese Frau heißt Frederike. Sie begegnen sich und bleiben zusammen, in den ersten Nächten sprechen sie nicht, sind nur zwei ausgemergelte Körper, die einander halten und wärmen. Erst dann öffnen sich ihre Münder und sie finden auch mit Worten zueinander, erzählen sich, wer sie sind und warum, was sie an der drohenden Apokalypse am meisten fürchten, was sie aneinander lieben. Frederike arbeitet im Krankenhaus, wo trotz des nahenden Endes noch Kinder geboren werden, und Anton züchtet Vögel auf dem Hausdach. Über die fremde Frau findet Aton einen bekannten Menschen wieder, den er viele Jahre nicht gesehen hat: seinen Bruder Leander. Mit ihm und vielen anderen ist er einst in einer autonomen Gemeinschaft aufgewachsen, einem riesigen Feld der Gemeinsamkeit, einem Garten Eden für die Kinder. Dorthin kehren nun Anton und Leander mit ihren Frauen sowie Leanders Baby zurück, sie wollen hier die letzten Tage der Menschheit verbringen.

Man mag kaum glauben, dass die österreichische Fotokünstlerin und Autorin Valerie Fritsch erst 26 Jahre alt ist, denn sie schreibt, als trüge sie alles Wissen der Welt in sich. Ihr Buch Winters Garten, das völlig zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, ist ein mit kaum 150 Seiten schmales, dafür aber umso wuchtigeres Werk. Denn Valerie Fritsch fackelt nicht lang: Sie lässt einfach mal die Welt untergehen. Und dieser Kunstgriff gibt freilich allem, was sie schreibt, eine gewisse Dringlichkeit: Jedes Gefühl wird intensiver, wenn es zum letzten Mal gespürt wird, jede Umarmung wird fester, wenn sie die letzte ihrer Art ist. Protagonist Anton ist ein Einzelgänger und ein Kauz, aufgewachsen in einem von der Welt entrückten kleinen Paradies. Der erste Teil des Buchs ist zur Gänze dieser besonderen Kindheit gewidmet, der Natur, den Gerüchten, den Ritualen, dem Tod. Er ist einsam und verloren, und erst kurz bevor es zu spät ist, begegnet Anton die Liebe, die – siehe oben – aufgrund dessen, dass ihr kaum noch Zeit bleibt, umso größer ist.

Von allen Buchpreis-Büchern ist dies das einzige – ich gestehe es –, das ich lesen wollte. Und es ist ein wahres Juwel, ein Trüffel, den ich nach all dem Wühlen im Dreck freudestrahlend in den Händen halte. Dies ist ein Buch, das mir passt wie ein maßgeschneidertes Kleid. Melancholische Sprachkunst ist für mich persönlich das Beste, was Literatur zu bieten hat: nachdenklich und stimmungsvoll, präzise formuliert und fordernd. Winters Garten ist alles davon. Ich möchte mir aus diesem Roman eine Decke nähen. Ich möchte die Sätze darin auf meine Wand schreiben, damit ich sie immer sehen und mit den Fingern berühren kann. Die Kritik, dem Roman fehle eine solide Geschichte und womöglich auch ein wenig Humor, kann ich nachvollziehen. Ich war aber in dieser Hinsicht vorgewarnt, was sich vielleicht positiv auf meine Erwartungshaltung ausgewirkt hat. Dies ist garantiert kein Buch für jeden. Aber es ist das perfekte Buch für mich. Und sprachlich gesehen das Beste, was ich 2015 gelesen habe.

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Winters Garten von Valerie Fritsch ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN  978-3-518-42471-1, 154 Seiten, 16,95 Euro). Hier findet ihr die begeisterte Rezension von Buchrevier, die mich davon überzeugt hat, dass ich dieses Buch lesen muss. Ebenso gut ist auch die Besprechung von Literaturen.

23 Comments

      1. Wer bin ich, da zu widersprechen! 😉 Momentan fehlt mir zwar hinten und vor die Zeit zum Lesen (seit Wochen hänge ich 80 Seiten vor Schluss beim neuen Franzen fest, obwohl ich das Buch toll finde), aber bald wird es zum Glück ruhiger. Ich leg mir das Buch aber schon einmal als Mahnung für den Nachttisch zu! :-)

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      1. Ich bin gespannt!
        Übrigens bewundere ich ja, wie du es mit Kindern schaffst, so viel zu lesen – irgendwie gelingt mir das seit der Geburt meiner Tochter kaum (weil abends halt meist die liegengebliebene Arbeit ansteht). Früher habe ich in Urlauben locker 5-10 Bücher geschafft, inzwischen bin ich froh, wenn ich zwei lesen kann.

        Ausnahmen bilden natürlich „Die Raupe Nimmersatt“, „Gute Nacht, Gorilla“ & Co – die kenne ich neben der ca. 100 anderen Kinderbücher hier (sie ist ein echter Bücherfreak!) mittlerweile auswendig… Vielleicht sollte ich die mal rezensieren, frisst auch nicht so viel Zeit! 😉

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  1. Ich war dagegen ein wenig enttäuscht und habe diese Metaphernvielfalt fast ein wenig kitschig, auf jeden Fall aber überladen und anachronistisch empfunden, zum Beispiel das Bild mit den Marmeladegläsern in denen die Großmutter die Föten aufbewahrt und die Berufe ebenfalls nicht ganz zeitgemäß, wer ist bitte heute noch Vogelzüchter?
    Als das sprachlich „Gelungenere“ würde ich das Buch der Shorlistträgerin und Gewinnerin des Schweizer Buchpreises Monique Schwitters empfinden, auch wenn wir das beim Bachmannpreislesen noch nicht so aufgefallen ist https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/25/eins-im-anderen/
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/09/20/winters-garten/

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    1. Mariki Author

      Ach, wenn die Welt eh schon untergeht, dann ist es doch fast egal, was man arbeitet, da kann man auch Vogelzüchter sein … Die Schwitter ist für meinen Geschmack schon wieder zu verdreht, da verliere ich ein bisschen die Geduld …

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      1. Natürlich, aber mich hat dieses „altmodische“ ein wenig gestört, obwohl ich Valerie Fritsch ja relativ gut kenne, das heißt sie von ihren allerersten Anfängen in der „Alten Schmiede“ mitverfolgte und auch ihre früheren Bücher gelesen habe.
        Kein Zweifel, sie ist hoch begabt, aber hier vielleicht ein wenig zu weit in die Sentimentalität abgeprescht.
        Ich vergfole die Diskussionen auf den Blogs über sie sehr genau, finde die unterschiedlichen Meinungen sehr spannend und bin auch sehr gespannt ihren weiteren Karriereweg zu verfolgen.
        Daß sie mit der Bachmann ein wenig zu vergleichen ist, diese Meinung habe ich, glaube ich, schon vor Klaus Kastberger vertreten. https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/07/05/neununddreisigstes-bachmannlesen/
        Und das mit dem Weltuntergang ist zum Glück immer noch propylaktisch. Wahrscheinlich wird sie nie untergehen, aber wenn, dann wahrscheinlich ganz anders, als sich das Nestroys Knieriem, Heinz Helle https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/11/17/alpha-literaturpreis-an-karin-petschka/ oder Valerie Fritsch vorstellen, von der ich übrigens ganz ganz sicher war, daß sie den „Alpha Literaturpreis“ gewinnen wird. https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/11/17/alpha-literaturpreis-an-karin-petschka/

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    2. Kathi

      Dem schließe ich mich an – kitschig und überladen finde ich ich die Metaphern und Ausdrücke auch, vor allem in dieser Menge ist es anfangs kaum zu ertragen. Ein bisschen weniger hätte es vielleicht auch getan. Wenn man aber mal „drin“ ist, gewöhnt man sich dran…
      Ich bin hin und hergerissen. Finde es sprachlich schon spannend und faszinierend, komplett überzeugen kann es mich aber nicht.

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  2. Ich muss gestehen, ich habe ein gewisses Problem mit Büchern, die aktuell von allen in den Himmel gelobt werden. Wenn mich ein Buch immer noch interessiert, wenn der Hype längst abgeklungen ist, ist das ein guter Grund zum Lesen. Dadurch bin ich zwar hier und da etwas spät dran, aber was spielt das bei guter Literatur schon für eine Rolle?!

    Dank Deiner einfühlsamen Rezension werde ich aber mal damit brechen müssen. „Winters Garten“ klingt einfach zu verführerisch! Danke dafür!

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    1. Mariki Author

      Oh, das verstehe ich gut, so geht es mir auch oft! An diesem Buch führte aber irgendwie kein Weg vorbei, und ich hab es zum Glück nicht bereut. Du kannst es ja auch erst dann lesen, wenn der Hype abgeklungen ist … es wird bestimmt geduldig auf dich warten 😉

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