Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bov Bjerg: Auerhaus

BjorkAlle für einen
„Aus der Ferne war das Auerhaus ein Bauernhaus wie die anderen.“ Aber für sechs Freunde, die kurz vor dem Abi stehen, ist es mehr: Es ist das Haus, in dem sie gemeinsam wohnen, unbeaufsichtigt von Erwachsenen. Dazu kam es eigentlich nur, weil Frieder sich umbringen wollte und danach in der Klinik war. Um auf ihn achtzugeben, zieht sein bester Freund Höppner mit ihm zusammen und bringt seine Freundin Vera mit, die aber nur darf, wenn Cäcilia auch kommt. Für das Quartett beginnt eine gute Zeit, sie hören Musik und reden stundenlang, sie perfektionieren das Klauen, um immer was zu essen zu haben, sie lernen für die Schule. Später ziehen noch der schwule Harry und Pauline ein, die Frieder in der Klappse kennengelernt hat. Keiner ist im Auerhaus allein, und das ist am wichtigsten. Aber die Angst, dass Frieder sich das Leben nimmt, die bleibt, und die Freunde haben permanent das Gefühl, es könnte etwas Schlimmes geschehen. Sie alle haben noch nicht viel gelebt und sind dennoch schon so kaputt. Was wartet noch auf sie? Lohnt es sich, durchzuhalten?

Wenn ihr euch nochmal jung fühlen wollt, wenn ihr euch erinnern wollt, wie das war, als alles noch vor euch lag, als alles noch möglich war, dann solltet ihr Auerhaus von Bov Bjerg lesen. Der deutsche Autor hat sich dermaßen gut in eine Bande Jugendlicher eingefühlt, dass man glauben könnte, er sei selbst noch 18. Dabei ist er 1965 geboren und lässt eine Zeit aufleben, die die Jugend von heute nicht mehr kennt: ohne Internet, ohne Handy, mit der alten Art von Langeweile und Zusammenhalt, die den 18-Jährigen damals eigen war. Kultur- und musiktechnisch ist Auerhaus in den 1980er-Jahren angesiedelt – der Titel stammt vom Madness-Lied „Our house“, das ein vorbeikommender Bauer ins Deutsche umgemodelt hat –, in denen ich erst geboren bin. So ganz passe ich also nicht in die Zeit, in der Frieder und Höppner, Vera und Cäcilia das Erwachsenwerden üben. Aber ich fühle mich trotzdem zugehörig, denn diese adoleszente Verwirrtheit, dieses Schwanken zwischen Euphorie und Verzweiflung, ich glaube, die ist sowieso generationenübergreifend.

Auerhaus ist in einem wahnsinnig angenehmen Ton geschrieben, man sagt bei Büchern ja gern „es plätschert so dahin“. Das tut es wirklich. Und fängt dabei gekonnt die Stimmungen, Gefühle und Sehnsüchte junger Menschen ein, die sich einerseits auf den Aufbruch freuen und ihn andererseits fürchten. Was wird die Zukunft ihnen bringen, wo werden sie leben, lieben, arbeiten? Und wieso sieht einer von ihnen, mindestens einer, keinen Sinn in alldem, jetzt schon? Bov Bjergs Ich-Erzähler hat darauf freilich keine Antwort, er gibt nur Einblick in seine Unsicherheiten, seine Ängste, seine Wünsche. Und das zu lesen, ist ganz wunderbar: Die Worte haben den richtigen Klang, die Sätze bilden eine Melodie, die erinnert ein bisschen an damals, an das Lied beim ersten Tanz, wisst ihr noch, beim ersten Aufbegehren gegen die Eltern, beim ersten Mal Unabhängigsein.

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Auerhaus von Bov Bjerg ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3351050238, 240 Seiten, 18 Euro). Eine schöne Rezension zum Buch findet ihr Sophie von Literaturen.

Das hier ist nicht Pop. Aber in Wahrheit ist „Auerhaus“ viel mehr Pop als die Literatur, die so heißt: Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, alles, was falsch, überflüssig, bloßer Künstlerquatsch wäre, ist raus. http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article144132251/Zeig-mir-die-Achtzigerjahre-in-zaertlich.html

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