Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Irene Ruttmann: Adèle

RuttmannEine unvergessliche Begegnung mitten im Krieg
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Die Hormone wirbeln, die Körper zieht es zueinander, und bald finden sie sich. Max zwackt Stunden ab, entfernt sich bei jeder Gelegenheit, um zu Adèle zu gehen, und einfach ist das nicht: „Keinen Wimpernschlag lang sollte man vergessen, dass der Soldat nicht Herr seiner Zeit ist, nicht Herr seiner selbst, Herr von gar nichts.“ Und so dauert es auch nicht lang, bis der Krieg Max wieder an sich reißt – aus Adèles Armen.

Die deutsche Autorin Irene Ruttmann, 1933 in Dresden geboren, hat sich mit zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. Will Adèle ihn nur benutzen, damit er ein wertvolles Gemälde der Familie in Sicherheit bringt? Was ist nach dem Krieg mit ihr geschehen? Und hat sie etwa ein Kind von ihm bekommen? Auf all diese Fragen hat Max nie Antwort erhalten – und ich auch nicht. Denn Adèle ist ein schmales Büchlein von nur 156 Seiten, auf denen kein Platz ist für lange Erklärungen und Auflösungen.

Vielmehr geht es um einen Moment. Um einen Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke. Es geht um die Erinnerung und um die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Und es geht um den Krieg, der so endlos viele Möglichkeiten zerstört hat. Heute, 100 Jahre später, würden Max und Adèle wohl whatsappen oder sich auf Facebook wiedertreffen. Aber in Zeiten wie jenen war ein Abschied ein Abschied für immer. Dies ist eines jener Bücher, die man rasch liest, aber nicht so schnell vergisst. Sehr schön.

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Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen im Zsolnay Verlag (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Irene Ruttmann hat unbeschreibliche Empathie, die sie so wunderbar an ihren Hauptprotagonisten Max weitergibt und dabei gelingt es so raffiniert unaufgeregt die vollkommen unerwartete Begegnung zweier Menschen in Zeiten des Krieges vorsichtig und klar zu entwickeln, dass selbst die Kriegsszenerie für gewisse Momente so erleichternd unwichtig in den Hintergrund rückt“, schwärmt der Durchleser.
– „Die Stärke von Irene Ruttmann liegt in ihrer einfachen und zugleich eleganten Prosa, in der tiefen Menschlichkeit ihrer Erzählung“, zeigt sich literaturschock.de begeistert.
– „Die Autorin beschränkt sich auf Wesentliches. Die Handlung wird nicht besonders ausgeschmückt. Aber es sind gerade die nicht gesagten Worte, die die Tragik verdeutlichen“, sagt Heike Rau auf leselupe.de.

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