Gut und sättigend: 3 Sterne

Josh Weil: Das gläserne Meer

9783832197971.jpg.23296„Wir lernen viel über die Menschen, indem wir uns anschauen, wovor sie Angst haben“
Als die Mutter nach dem Tod des Vaters vor Kummer in einen Wahn verfiel und in die Klinik musste, lebten ihre Söhne, die Zwillinge Jarik und Dima, ein Jahr lang bei ihrem Onkel. Ein Jahr, das den ganz besonderen Zusammenhalt zwischen den Brüdern festigte: „An Djadja Awjas Tisch hatten Dima und er von einem Teller gegessen. In der Badewanne hatten sie sich gegenseitig abgeschrubbt, sich gegenseitig Wasser übergeschüttet, um die Seife abzuspülen. Als sie im Dorf Rugby spielten, hatten sie füreinander geblockt. Und als sie ihre Mutter besuchten, nahmen sie sich gegenseitig an der Hand, drückten fest zu, gingen hinein.“ Damals gab es den einen nicht ohne den anderen, doch das ist lang her: Inzwischen arbeiten die Zwillinge in der Oranžeria, aber in unterschiedlichen Schichten, einer am Tag und einer in der Nacht oder dem, was man früher Nacht nannte, und sie sehen einander kaum. Die Oranžeria ist rund um die Uhr in Betrieb, seit es in Petroplawilsk nicht mehr dunkel wird, weil ein Milliardär Spiegel ins Weltall geschossen hat, die das Sonnenlicht reflektieren. Sie ist gigantisch, Hektar über Hektar, und sie wächst immer weiter. Während Dima all sein Geld spart, um eines Tages des Onkels Bauernhof kaufen zu können und dort mit Jarik zu leben, muss dieser Frau und Kinder ernähren – und gerät in die Fängen der Bärin, wie der skrupellose Milliardär genannt wird. Jarik lässt sich für dessen Zwecke einspannen, Dima wird der politischen Gegenseite zugespült – und die Brüder reiben sich auf zwischen Politik, drohender Gefahr und grenzenloser Sehnsucht nach den unbeschwerten Kindertagen …

Das gläserne Meer des amerikanischen Autors Josh Weil ist ein monumentales, wuchtiges Werk. Und das nicht nur, weil es mit seinen 670 Seiten so schwer wiegt. Es ist ein Wirbelsturm aus Emotionen und Vernunftentscheidungen, aus märchenhaften Sequenzen und der harten Realität, aus Machtlosigkeit und Gier. Er ist ein ausschweifender Erzähler, dessen Stil ein bisschen so wirkt, als würde jemand sprechen, der sich selbst gern reden hört. Mir ist in der Vorschau – Achtung, Sexismus! – das attraktive Gesicht von Josh Weil aufgefallen und ich dachte „Endlich mal ein gutaussehender Autor“, aber sein Buch war mir zu dick. Ich bin nach vielen Jahren mit fetten Schwarten zu der subjektiven Überzeugung gelangt, dass man fast jede Geschichte auf wesentlich weniger Seiten erzählen könnte. Aber dann hat mir der Verlag das Buch geschickt, und ich hab’s gelesen. Zu dick war es mir immer noch. Gekürzt um einige dröge Langeweilestellen, hätte der Roman mit beispielsweise 450 Seiten wesentlich mehr Drive gehabt. Aber gut, das ist so ein persönlicher Spleen von mir. Wenden wir uns lieber dem Inhalt zu.

Der hat es nämlich faustdick hinter den Ohren und ist ein wahrer Reigen an großen, bedeutsamen Themen. Josh Weil hat zwei Brüder genommen, die sich über die Maßen lieben, und hat sie an zwei ideologische Gegenpole gesetzt, hat sie zu Marionetten der Mächtigen gemacht. Dima tut alles, um bei Jarik zu sein, und Jarik tut alles, um ihn von sich fernzuhalten – weil das die einzige Möglichkeit ist, sie beide zu schützen und zu retten. Das Spiel, das der Autor mit seinen Figuren treibt, ist grausam und scheint ausweglos. Kapitalisten, Kommunisten, Hungerleidende und Milliardäre: Ein jeder von ihnen würde über Leichen gehen. Was sie im Showdown, der den Roman wieder aus seiner Lethargie reißt, auch tun. Ich finde Das gläserne Meer generell sehr einfallsreich, originell und mitreißend, auch wenn ich zwischendrin wegen einiger Längen fast die Nerven weggeschmissen hätte. Josh Weil mixt gekonnt Pathos und Kitsch mit der Wirklichkeit einer Gesellschaft, die das Maul nicht vollkriegen kann, die mehr will, mehr, mehr, bis sie platzen wird, ersticken wird an ihrer Gier.

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Das gläserne Meer von Josh Weil ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9797-1, 672 Seiten, 24,99 Euro).

0 Comments

  1. Liebe Mareike,

    ich stimme dir absolut zu: Eigentlich sind dicke Bücher nur schlecht gekürzt. 😉

    Da ich aktuell sehr empfindlich auf Längen reagiere, mache ich hier lieber einen Bogen um den schnuckeligen Autor (zumindest um sein Buch).

    Liebe Grüße
    Mareike

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    1. Mariki Author

      Echt?! Du denkst auch so? Normalerweise stimmt mir da niemand zu … 😉 Es ist ja auch recht anmaßend, so zu denken – von wegen Kunstanspruch und Sache des Autors. Aber bei vielen Büchern hab ich einfach das ganz subjektive Gefühl, dass weniger mehr gewesen wäre. Da hilft in deinem Fall also auch der Schnuckligkeitsfaktor nicht 😉

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  2. Huhu,
    früher stand ich immer auf dicke Wälzer. Und so hat mich auch „Das gläserne Meer“ angezogen, auch wegen dem tollen Cover.
    Mittlerweile denke ich mir aber immer öfter, dass ich in der Zeit, die ich brauche um so einen Schinken zu lesen, auch 2-3 durchschnittlich lange Bücher lesen könnte. Davon hätte ich ja dann viel mehr! Schlimm, dass es immer um Zeit gehen muss…
    Trotz seiner Länge fande ich Weils Werk sehr originell und phantasievoll.

    Liebe Grüße
    Madeleine

    P.S.: Meine Besprechung dazu findet ihr hier: http://buchlingreport.blogspot.de/2015/08/josh-weil-das-glaserne-meer.html

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    1. Mariki Author

      Und warst du in diesem Fall mit der Länge einverstanden oder hattest du auch das Gefühl, weniger wäre vielleicht mehr gewesen? Prinzipiell ist es ja schwer zu sagen, ob man von 1 dicken Buch mehr hat oder von 2-3 dünneren … was, wenn das eine SOOO überwältigend toll ist?!

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  3. Also mit dieser Entscheidung tu ich mir wirklich sehr schwer in diesem speziellen Fall :) Die ersten Kapitel waren eintoller Einstieg. Dann empfans ich die ersten 100 – 200 Seiten tatsächlich etwas zäh. Aber in der zweiten Hälfte habe ich dann wieder in den Fluss gefunden, da hat mich die Länge nicht mehr gestört. Aber ich gebe zu, dass es insbesondere in der ersten Hälfte einen Moment gab, wo ich das Buch zu lange fand.

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