Gut und sättigend: 3 Sterne

Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P.

Waldman„Manchmal fragte er sich, ob er nicht vielleicht ein klein wenig misogyn war“
„Nate und seine Schuldgefühle hatten eine lange und intime Beziehung.“ Kein Wunder, denn Nate ist wohl das, was man gemeinhin unter einem Arschloch versteht. Sein erstes Buch steht kurz vor der Veröffentlichung, und er bewegt sich in der New Yorker Schicht der Möchtegerns wie ein Fisch im Wasser. Die Frauen zeigen sich willig, weil er erfolgreich und attraktiv ist, und er bedient sich gern am Angebot, verachtet sie aber insgeheim alle. Als er Hanna kennenlernt, sieht es zunächst nicht so aus, als würden die beiden eine Beziehung eingehen – doch genau das tun sie. Und es ist natürlich ein Fehler. Weil in Nates Herz für niemanden Platz ist außer für ihn selbst.

Es ist garantiert nicht leicht, ein lesenswertes Buch mit einem überaus unsympathischen Protagonisten zu schreiben. Und ich habe nach reiflicher Überlegung auch nicht das Gefühl, dass es Adelle Waldman zu 100 Prozent gelungen ist. Die amerikanische Autorin hat 2013 mit ihrem Erstling Das Liebesleben des Nathaniel P. für Aufsehen in den USA gesorgt. Vor allem deshalb, weil sie als Frau aus der Sicht eines Mannes geschrieben hat. Nachdem ich dieses angeblich furiose Buch nun gelesen habe, kann ich nur hoffen, dass diese männliche Sicht der Dinge nicht der Wahrheit entspricht – denn sie ist überraschend langweilig. Nate redet wahnsinnig viel. Er führt lange Gespräche mit Frauen und denkt anschließend ausführlich über diese Frauen nach. Tun Männer das? Es erscheint mir zutiefst weiblich. In meinen Augen ist Nate auch nicht unbedingt ein Arschloch, sondern nur sehr egozentrisch, eingebildet und obendrein schlecht im Bett. Er ist einfach eine fade Person, ein wandelndes Klischee. Amüsant ist er durchaus, und das ist auch der vielleicht einzige Grund, dieses Buch zu lesen: Man kann sich lustig machen über Nate, sich daran erhöhen und schmunzeln über einen, der sich extrem geil findet, es aber gar nicht ist. Das wiederum ist ja etwas, das tatsächlich auf die meisten Männer zutrifft.

In den Gesprächen, die Nate und seine Freunde führen, ist es sehr wichtig, welches College jemand besucht hat, wie hoch sein Buchvorschuss ist, in welchem Viertel er wohnt und was seine Eltern machen. Aus diesem Grund sowie wegen der doppelmoralischen, vordergründigen Zurückhaltung wirkt dieses Buch sehr amerikanisch auf mich, sehr befremdlich. Adelle Waldman thematisiert typische Geschlechterrollen und Stereotype, spielt aber nicht damit – leider. Ihr Blick ist frei von Ironie, und das gibt dem Roman eine Ernsthaftigkeit, die ihm nicht steht, weil all das Flirten und Ficken doch letztlich nur ein Spiel ist. Alles an diesem Roman ist klassisch: die Beziehungsanbahnung, das Kommunizieren in Codes, das Verfliegen des Reizes, das Tauziehen um die Oberhand, das Jammern der Frau, das Auf-Abstand-Gehen des Mannes. Das hätte viel spielerisches Potenzial für ein ironisches Augenzwinkern geboten.

In Wahrheit ist Das Liebesleben des Nathaniel P. kein Buch aus der Sicht eines Mannes, es ist ein Buch darüber, was Frauen glauben, dass Männer denken. Denn natüüürlich ist Nate im Innersten einfach nur einsam und hat bloß noch nicht die Richtige gefunden. Was sonst! Und dass er gegen Ende plötzlich doch noch Beziehungsfähigkeit attestiert bekommt, hebelt alles, was davor war, aus, entzieht ihm die Grundlage. Das finde ich sehr schade. Am Ende bleibt zu sagen: Dies ist ein recht unterhaltsamer Roman, aber den Hype drumherum kann ich nicht ganz nachvollziehen.

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Das Liebesleben des Nathaniel P. ist erschienen bei Liebeskind (ISBN 978-3-95438-048-0, 304 Seiten, 19,90 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Selten hat man das Scheitern von Liebesangelegenheiten so konzentriert gelesen wie hier“, schreibt spiegel.de.
– „Nicht zuletzt durch den witzigen Ton der Autorin entpuppt sich diese Geschichte als äußerst mitreißendes und sehr interessantes Unterfangen, nach dem frau den großen Wunsch verspürt, sich unbedingt darüber zu unterhalten“, zeigt sich die Klappentexterin begeistert.
– „Adelle Waldman schreibt witzig, charmant, pointiert und bösartig. Dieser Schreibstil ist es auch, der über Durststrecken des Romans rettet, in denen man ernsthaft darüber nachdenkt, ob man seine Zeit gerade sinnvoller vertun könnte“, schreibt Literaturen.
– „Geschwätzig – das ist es, was mir als erstes einfallen würde, um dieses Buch zu beschreiben. Und hier sind wir wieder da, wo die Los Angeles Times in Ihrer Einschätzung zu diesem Roman grundlegend falsch liegt. Denn wenn es Frau Waldman tatsächlich gelungen wäre, sich so perfekt in einen Mann hinein zu versetzen, dann wäre diese Geschwätzigkeit zumindest zielführender gewesen“, sagt Buchrevier.

0 Comments

  1. Liebe Mareike,

    spannend, dass du den Schluss ganz anders empfunden hast, als ich.
    Mir kam das nicht wie eine Entwicklung hin zur Beziehungfähigkeit vor, sondern wie ein weiterer fauler Kompromiss, wie fast jede Beziehung in seinem Leben.
    Liebe Grüße
    Mareike

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    1. Mariki Author

      Ich hätte mir mehr Biss gewünscht, mehr Ironie, nicht so viel Gelaber ohne Ziel. Aber ich reagiere bei diesen Typen in echt ähnlich, ich rede halt nicht mit denen und ducke mich schnell weg. :p Viel Vergnügen auf der Lesung!

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