Für Gourmets: 5 Sterne

Margaret Mazzantini: Herrlichkeit

Mazzantini„Der beste Teil des Lebens ist der, den wir nicht leben können“
„Zwei Schritte vom Paradies entfernt – und einen von der Hölle“: So fühlen sich Guido und Costantino ihr ganzes Leben lang. Weil sie so verliebt sind. Aber nicht in die Frauen, die sie geheiratet haben. Sondern ineinander. Dabei hätte das anfangs niemand ahnen können, als sie im gleichen Palazzo aufwuchsen, aber Welten voneinander entfernt lebten: Guido oben bei den Herrschaften, immer allein, krank vor Liebe für die stets abwesende Mutter, und Costantino ganz unten, als Sohn des Hausmeisters. Die beiden haben, obwohl sie in dieselbe Klasse gehen, nichts miteinander zu tun. Erst gegen Ende der Schulzeit, als sie damit anfangen, erwachsen zu werden, geschieht etwas, bricht etwas auf, sie küssen sich, klammern sich aneinander – und müssen sich doch viel zu schnell wieder gehen lassen. Ihre Wege trennen sich, Guido heiratet in London die schöne Japanerin Izumi und wird Professor, Guido gründet in Rom eine Familie und führt ein Restaurant. Doch etwas fehlt, etwas schmerzt, da ist ein Brennen, ein Sehnen: „Ich tanzte auf einem Seil, das irgendwo gerissen war, ohne dass ich hätte erkennen können, wo.“ Es dauert lange, viel zu lange, bis die beiden Männer sich wiedersehen, und sie haben diesen Traum, der einfach zu schön scheint, um wahr zu werden: „Ich stelle mir ein sanftes Leben vor, unseres, als Paar. Sich bei der Hand nehmen, anhalten, um ein paar Lebensmittel einzukaufen, auf die Nacht warten. Ich will mich nie wieder trennen müssen. Es ist absurd, das zu tun.“

Es tut weh, Herrlichkeit von Margaret Mazzantini zu lesen. Weil eine Liebe, die nicht sein kann, zu dem Traurigsten gehört, was es gibt auf dieser Welt. Die italienische Autorin, die zahlreiche Bücher geschrieben und viele Preise dafür bekommen hat, dirigiert mit erstaunlicher Leichtigkeit die großen Emotionen. Mit ihrem Roman Das Meer am Morgen, der heute aktueller ist denn je, hat sie mich zum Weinen gebracht. Und in Herrlichkeit entwirft sie mit so viel Feingefühl und Sinn für Dramatik eine Geschichte, die sich schwer auf meine Brust setzt und mir kleine Eiszapfen ins Herz treibt. Beim Erzählen lässt sie sich Zeit und beginnt in der Kindheit der beiden Figuren, wobei der Fokus auf Guido liegt und er unser Ich-Erzähler ist. Er ist ein ebenso einsames wie arrogantes Kind, und die Möglichkeit, sich mit Costantino anzufreunden, nimmt er nicht wahr. Das bereut er später, als die beiden nur gestohlene Stunden miteinander verbringen können, weil er all diese Zeit verschenkt hat. Als sie sich dann lieben und es wissen und sich eingestehen können, ist es einfach zu spät.

Margaret Mazzantini spielt Schicksal, und sie ist grausam. Sie gibt Guido und Costantino keine Chance, und deshalb leuchtet deren Liebe so hell, weil ihr Feuer nicht erlischt, nicht vom Alltag erstickt wird. Dabei geht es in Herrlichkeit gar nicht so sehr um Homosexualität an sich, sondern vielmehr darum, dass ein Mann einen Menschen liebt – der zufällig auch ein Mann ist. Es erstaunt mich immer wieder, wie leicht und virtuos die italienische Autorin mit derart schwermütigen und wuchtigen Themen umgeht. Sie hat keine Angst vor dem Schmerz, sie ergründet ihn, zeigt ihn in all seinen Farben und Tiefen. Wenn ich ihre Bücher lese, spüre ich, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

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Herrlichkeit von Margaret Mazzantini ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-8853-5, 400 Seiten, 17,99 Euro).

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