Gut und sättigend: 3 Sterne

Michel Bergmann: Weinhebers Koffer

IMG_8946„Wenn wir nicht tanzen, sterben die Menschen trotzdem“
Auf der Suche nach einem Geschenk für seine Freundin Lisa findet der Journalist Elias Ehrenwerth einen alten Koffer aus Leder. Die Initialen L. W. passen erfreulicherweise zu Lisa. Doch als er entdeckt, dass der Koffer einst einem gewissen Leonard Weinheber gehörte, wird Elias neugierig: Wer war das? Ist er noch am Leben? Er liest alte Briefe und ein geheimnisvolles Manuskript. Schnell wird dabei klar, dass Weinheber als Jude 1939 Deutschland Richtung Palästina verließ – nicht freiwillig. Aber kam er dort jemals an? Elias will Antworten – und reist selbst nach Palästina …

Weinhebers Koffer ist ein kleines Buch aus dem kleinen Dörlemann Verlag, einzig die Geschichte ist nicht klein: Sie handelt von einer großen Liebe. Von Verfolgung, Berufsverbot und Gefahr. Von den Problemen in Israel und vom Lauf der Geschichte, die uns alle beiseite wischt und bedeutungslos macht. Der Schweizer Autor Michel Bergmann, selbst 1945 als Kind internierter jüdischer Flüchtlinge geboren, lebt in Berlin und hat von Filmen über Romane bereits viele Werke vorzuweisen. Er erzählt in einem recht schnellen, fast schon atemlosen Tempo von einem Mann auf der Suche nach einem anderen. Protagonist Elias, der Ich-Erzähler, wandelt auf den Spuren von Weinheber, der ein großer Schriftsteller hätte werden können in einer anderen Zeit. Fasziniert von Weinhebers Manuskript und den Briefen seiner Liebsten, taucht Elias ein in die Vergangenheit. Allerdings leider nicht allzu tief, denn auf den gerade mal 140 großzügig gesetzten Seiten entwickelt sich kein Epos, kein vielschichtiger Generationenroman, das Thema wird sehr einfach behandelt, mit klaren Worten und klaren Emotionen. So bleibt Weinhebers Koffer ein kleines Lesevergnügen – aber ein feines.

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Weinhebers Koffer von Michel Bergmann ist erschienen im Dörlemann Verlag (ISBN 9783038200161, 144 Seiten, 17 Euro).

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Noch mehr Futter:
– „Michel Bergmann hat eine besondere Gabe, die sicherlich auch seinem Erfolg als Drehbuchschreiber zuzuordnen ist: er kann in verschiedenen Ebenen, Sprachstilen und äusserst pointierten Dialogen schreiben“, schwärmt der Durchleser.
– „Unvergessen ist das Gefühl, welches ich hatte, als ich das erste Mal diesen schmalen und mit blauem Leinen wunderschön gestalteten Band in der Hand hielt. Etwas unwiderstehlich Geheimnisvolles strahlte von ihm aus“, erzählt Masuko13 auf We read Indie.
– „Dieser kurze, und auf den ersten Blick recht unscheinbare Roman flößt einem beim Lesen soviel Angst und Schrecken ein, dass man im ersten Moment froh ist, damals nicht gelebt zu haben“, heißt es bei Frauhauptsachebunt.

7 Comments

  1. Aber wenn Sie kein zweites Buch eines Autors lesen, dann entgeht Ihnen doch sicher etwas und Sie können den Autor nicht in seinem Gesamtwerk erfassen, auch weil die großen bedeutenden Werke oft erst später geschrieben werden, mir fallen da nur Milena Michiko Flasar oder Clemens J. Setz ein, könnte die Beispiel beliebig fortführen.
    Ich verstehe natürlich das Problem, es gibt soviel Bücher und man kann nicht alle lesen, beim besten Willen nicht, aber wenn Sie bei einem stehenbleiben, haben Sie sicher irgendwann Bildungslücken, bzw. können Sie dann auch nicht über dBP-Bücher bloggen, weil da oft ja zweite dritte vierte Bücher daraufstehen.
    Ich würde Ihnen eher empfehlen, das zu lesen, worauf Sie neugierig sind oder bei dem Autor zu bleiben, der Ihnen gefallen hat.
    Aber das Problem ist in Zeiten, wo alle schreiben und die sogenannten Verlagsautoren werden ja von den Verlagen, glaube ich, auch genötigt werden, jedes zweite oder dritte Jahr was Neues herauszubringen und leider immer weniger Leute lesen, nicht wirklich zu lösen!Ich werde heuer wieder Bücher von meiner Leseliste nehmen müßen, weil ich das Lesen, bei all dem Neuen, das „Ich will auch!“, schreit, nicht schaffe und habe mir angewöhnt, möglichst wenig zu selektieren, sondern mich eher spontanzu entscheiden! Alles Gute!
    P. S. Werden Sie den neuen Ralph Rothmann beispielsweise lesen oder den neuen Roman von Cornelia Travnicek?

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    1. Mariki Author

      Ja, das stimmt auf jeden Fall! Ein sehr entscheidener Punkt. Ich arbeite ja auch daran – seit einiger Zeit – und versuche, das wieder zu ändern. Früher war ich von vielen Autoren „Fan“ und habe jedes einzelne Buch verschlungen. Aber es gab so viele Fälle, in denen nach einem grandiosen Roman der nächste eine Enttäuschung war oder wo ich mich nach einer Weile schlicht und ergreifend gelangweilt habe. Deshalb bin ich irgendwann dazu übergegangen, Wiederholungstaten zu meiden – von wegen „so many authors, so little time …“ Inzwischen aber merke ich, dass ich das vermisse, die Wiedersehensfreude, das Sich-besser-Kennenlernen, das Sich-aufgehoben-Fühlen in einer bestimmten Sprache, einem Stil. Ich habe heuer auch schon einige Bücher von Schriftstellern gelesen, die ich bereits kenne. Und was Rothmann und Travnicek angeht, so hab ich mich noch nicht entschieden …

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  2. Man kommt in der Literaturgeschichte nicht weiter denke ich, mein Kommentar war übrigens falsch platziert, weil ich ein Facebookmuffel bin, aber zu dem obrigen Buch hätte ich auch etwas zu sagen, zumindest habe ich ihm in Leipzig auf dem blauen Sofa gehört und dabei an Josef Weinheber, den „Wien wörtlich“ Dichter mit der mehr oder weniger großen Nazinazivergangenheit gedacht. Kennen Sie den?

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