Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Margarita Kinstner: Mittelstadtrauschen

IMG_8763„Gott ist ein schlechter Gärtner. Er stellt uns wie Pflanzen in ein Glashaus, gießt ein paar Mal drüber und geht dann ins Wirtshaus“
„Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der großen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben.“ So weit ist Marie allerdings noch lange nicht. Und Jakob auch nicht. Im Gegenteil: Sie ist mit ihrer großen Liebe Joe nicht mehr zusammen, er fadisiert sich mit Freundin Sonja. Als Marie und Jakob in einem Café aufeinandertreffen, erwacht das Interesse von beiden – und zumindest einer verliebt sich. Joe ertrinkt unterdessen, und zwar absichtlich. Sein bester Freund Gery ist beim Selbstmordsprung dabei, und er kann das nicht verwinden. Seine Wege kreuzen sich mit denen von Sonja, die Liebeskummer hat und etwas Neues sucht. So verbandeln und verstricken all die Menschen sich ein Jahr lang miteinander, lernen sich kennen und verlieren sich, erzählen von früher und leiden im Heute – bis zur Testamentseröffnung exakt 12 Monate nach Joes Tod. Eingeladen sind nur Marie und Gery, und Joe hat detaillierte Anweisungen hinterlassen, die sein Freund Palicini im Wiener Prater umsetzt. Auf die beiden wartet eine große Überraschung …

Mittelstadtrauschen, das 2013 erschienene Debüt der österreichischen Autorin Margarita Kinstner, wurde mir mehrfach ans Herz gelegt – und hat auch allerlei Lob eingeheimst. Es erzählt nicht unbedingt eine vielschichtige, aber eine vielmenschliche Geschichte, denn es bildet – wie das Cover zeigt – ein Gefüge ab, das zwischen den einzelnen Romanfiguren entsteht. Verstrickungen und Verbindungen, Liebe und Freundschaft: Wer mit wem und warum – das ist die Frage, die Margarita Kinstner stellt und beantwortet. Gewählt hat sie dafür einen unprätentiösen Stil und eine schlichte, manchmal lieblich-naive Sprache, die perfekt zum Inhalt passt. Denn Mittelstadtrauschen ist ein nostalgisches Buch, ein liebes, unkantiges Buch, das von der Macht des Zufalls berichtet und von dem Karussell, in dem wir alle sitzen: Der eine liebt das Mädchen vor ihm und wird geliebt vom Mädchen hinter ihm – und es dreht sich und dreht sich, immer weiter …

Ich habe Mittelstadtrauschen im Urlaub gelesen, und das war herrlich. Denn es liegt nicht schwer im Bücherwurmmagen, bietet aber feine Unterhaltung auf sehr gutem Niveau. Heiter und schlau ist die Geschichte, und auch wenn die Protagonisten reichlich verplant und lahmarschig daherkommen, hat die Story einen angenehmen Drive. Das Ende ist schön kitschig, vorhersehbar und trotzdem wunderbar – genau, wie es sein muss. Leseempfehlung!

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Mittelstadtrauschen von Margarita Kinstner ist erschienen im Deuticke Verlag (ISBN 978-3-552-06226-9, 288 Seiten, 20,50 Euro).

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