Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Favel Parrett: Der Himmel über uns

Parrett„Das Meer ist lebendig, es kennt keinen Anfang und kein Ende“
Die Mutter von Isla und ihrem kleinen Bruder zieht mit den Kindern nach Hobart auf Tasmanien, an einen Ort am Ende der Welt, umgeben vom Meer und von Einsamkeit. Die Nella Dan, ein beeindruckend großer, rot-weißer Frachter, bringt Abwechslung und den Duft der weiten Welt in Islas Leben – und sie bringt Bo, den Seemann. Bo ist Däne, er ist ruhig, groß, bedächtig, und er gefällt Islas Mutter. Zwischen ihm und dem Mädchen entsteht eine ungewöhnliche, aber innige Freundschaft in den kurzen Landaufenthalten, die Bo in Hobart verbringt. Sein Leben ist hart, er ist zusammen mit dem Schiff und dem Rest der Mannschaft der Willkür der See ausgeliefert – sie bringt herrliche Tage voll Leichtigkeit, aber sie bringt auch den Tod. „Das Meer ist lebendig, es kennt keinen Anfang und kein Ende. Es bewegt sich mit dem Mond und mit der Erddrehung, und es ruft uns, wenn es will, dass wir kommen. In jener Nacht lag ich im Bett, zog die Decke fest um mich, und in der Dunkelheit wiederholte ich im Kopf immer wieder: Ruf mich nicht. Ruf mich nicht, denn ich will nicht gehen.“

Der Himmel über uns ist Melancholie zwischen zwei Buchdeckeln. Es ist Poesie, es ist Licht und Wasser und Gefühl. In einer sehr melodischen, lyrischen Sprache erzählt die tasmanische Autorin Favel Parrett in ihrem zweiten Roman eine Geschichte vom Meer, von Freundschaft und Verlust, vom Alleinsein und von der Macht der Natur. Sie tut dies auf beeindruckend schlichte, aber sehr sprachgewaltige Weise. Die Prosa ist durchsetzt von Gedichtstücken, Momentaufnahmen, Gedanken, bei denen man nicht weiß, wem sie gehören: Vögel rufen den Morgen herbei / Ich spüre, wie es sich von mir hebt, das Gewicht der Dunkelheit / Es ist ein neuer Tag.“

Wenn in einer Geschichte ein kleines Mädchen vorkommt und ein Seemann, der Bo heißt, dann weiß man gleich, dass das eine gute Geschichte sein muss. Der Himmel über uns ist schwermütig, traurig, intensiv. Isla und Bo berichten abwechselnd auf Land und auf hoher See, langsam setzt sich aus ihren einzelnen Bildern ein Gesamteindruck zusammen, der aber auch am Ende noch verschwommene Stellen aufweist. Ganz aufgeschlüsselt werden die Geschehnisse nicht, weil dies ein Roman ist, der von Stimmungen und Empfindungen lebt und quasi ausschließlich aus solchen zusammengesetzt ist. Ein ganz besonderes Buch, das ebenso zart wie kraftvoll ist, einfach, aber raffiniert, liebevoll erzählt und unvergesslich.

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Der Himmel über uns von Favel Parrett ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN
978-3-455-40518-7, 272 Seiten, 20 Euro).

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