Gut und sättigend: 3 Sterne

Herman Koch: Sehr geehrter Herr M.

IMG_8460„Wenn sich hundert Schriftsteller in einem Raum zu einem Fest versammeln, kann alles Mögliche dabei herauskommen, nur kein Fest“
Ein Roman über eine wahre Geschichte hat ihn einst berühmt gemacht, über einen verschwundenen Lehrer, der eventuell ermordet wurde – von zwei Schülern. Von diesem Ruhm ist nur noch der Abglanz übrig, der Autor ist inzwischen alt, hat eine viel jüngere Frau und eine kleine Tochter – sowie einen Nachbarn, der ihn beobachtet. Er tut das, weil er ihm etwas zu sagen hat, weil er etwas weiß über jenen Lehrer, dessen Leiche nie gefunden wurde, weil er hautnah dabei war, damals. Neid und Missgunst und eine unterschwellig drohende Gefahr schwingen in den Briefen mit, die er dem Autor schreibt, und er schreckt auch nicht davor zurück, in dessen Ferienhaus Frau und Tochter auszuspionieren. Aber was will er? Und was hat der Schriftsteller zu verbergen?

Der Niederländer Herman Koch ist ein begnadeter Schreiberling. Seinetwegen bin ich zum Wiederholungstäter geworden. Wer mich kennt, weiß um meinen Nur-ein-Buch-pro-Autor-Spleen, und bei Herman Koch sind es nun schon drei. Weil er mich mit dem unfassbar fiesen Roman Angerichtet so angefixt hat, weil darauf Sommerhaus mit Swimmingpool folgte, das ebenfalls grandios war. Auf diesem Niveau bewegt sich für mich Sehr geehrter Herr M. nicht. Es ist ein sehr unterhaltsames, glänzend geschriebenes Buch, das in meinen Augen allein bestehen, aber im Vergleich mit seinen Vorgängern nicht ganz standhalten kann. Herman Koch erzählt darin eine durchaus perfide, spannende Geschichte voll von Geheimnissen, unerwiderter Liebe und Verrat. Und eigentlich sind diese müßigen Vergleiche ja der Grund dafür, dass ich nicht mehr als ein Buch vom selben Autor lesen will. Trotzdem komme ich jetzt von diesem Vergleichen nicht los. Das stört mich, weil es Sehr geehrter Herr M. schwächer macht, als es eigentlich ist.

Besonders gelungen sind die Beobachtungen des Nachbars, triefend vor Hohn und vor allem voller subtiler Drohungen. Lange Zeit ist völlig unklar, was der Nachbar bezweckt. Das macht diesen Roman so fesselnd und so gut. Allerdings verzettelt er sich gegen Ende ein wenig in den verschiedenen Perspektiven und verliert dadurch an Kraft, auch weil die Drohungen ins Leere gehen. Der Schlusspunkt ist in Koch’scher Manier gewohnt heftig, moralisch verwerflich und krass. Ein ausgezeichnetes Lies-mich-in-einem-Rutsch-weg-Buch, aber wer noch nie einen Koch gelesen hat, dem würde ich trotzdem erst einmal Angerichtet empfehlen.

Sehr geehrter Herr M. von Herman Koch ist erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (ISBN 978-3-462-04738-7, 400 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. susanne

    jetzt hat sie’s schon wieder getan. nachdem wir uns schon bei frau berg so einig waren, ist es jetzt herr koch, den wir beide gern haben. im gegensatz zu dir, hatte ich nicht den vergleich mit den ersten beiden romanen und war deswegen uneingeschränkt begeistert. ein lob auf die unwissenheit. dir danke ich für eine gute rezension, die mich – hätte ich es nicht schon getan – sicher dazu gebracht hätte, mir den koch munden zu lassen.
    susanne

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