Für Gourmets: 5 Sterne

Dörte Hansen: Altes Land

IMG_8339„Sie konnte hier nicht weg. Sie war ein Moos, das nur an diesen Mauern hielt“
„Sie schien ihr Haus nicht zu besitzen, es war wohl eher andersrum. Vera gehörte diesem Haus.“ Dabei ist die alte Frau hier gar nicht geboren, sondern durch ungewöhnliche Umstände zu dem Haus im Alten Land an der Elbe gekommen: Zusammen mit ihrer Mutter Hildegard stand sie 1945 im Alter von fünf Jahren als Flüchtling aus Ostpreußen vor der Tür – und war nicht im Geringsten willkommen. Hildegard heiratete kurzerhand Karl, den einzig übrig gebliebenen Sohn, schwer traumatisiert vom Krieg, doch sie hatte weder für ihn noch für das Leben auf dem Land Geduld. Sie lässt ihre Tochter bei ihm zurück, als sie weiterzieht, und so geht Vera eine Verbindung ein, kümmert sich um Karl, hält Wache in dem alten Haus, das voller Stimmen ist und sie nie schlafen lässt. Sie ist eigensinnig und störrisch, unbeliebt und zutiefst einsam. Da stehen viele Jahre später erneut zwei vor der Tür, die Zuflucht suchen: Veras Nichte Anne mit ihrem Sohn Leon. Sie kommen aus einem Hamburger Wohlstandsviertel, wo Anne soeben grandios an dem Versuch gescheitert ist, mit Christoph Vater, Mutter, Kind zu spielen. Sie steht ratlos vor den Scherben ihres Lebens, das nicht so verlaufen ist wie gedacht: Aus dem einstigen Musiktalent wurde eine Tischlerin. Nun zieht sie zu Vera aufs Land, wo viele Aussteiger sich in Manufactum-Jacken und mit selbstgekochter Marmelade von den Strapazen des Lebens in der Upper Class erholen, und macht sich daran, Veras Haus zu renovieren. Doch jede Veränderung an dem alten Gemäuer bewirkt auch eine Veränderung an den Menschen, die darin leben.

Da ich nicht weiß, ob ihr diese Rezension bis zum Ende lesen werdet, rufe ich jetzt sofort: LEST DIESES BUCH! Unbedingt! Es ist grandios, herrlich böse, schlau, witzig und verdammt gut – für mich sogar das bisher beste Buch in diesem Frühjahr. Für alle, die jetzt noch weiterlesen, kann ich meine Begeisterung noch ein wenig vertiefen und versprühen: Die Journalistin Dörte Hansen, selbst mit Plattdeutsch aufgewachsen, erzählt in ihrem ersten Roman auf erstaunlich schlichte Weise eine überaus vielschichtige Story: Wehmut und Sehnsucht schimmern darin, sie gehen einher mit dem Älterwerden und Zurückblicken, ihnen gegenüber stehen Durchbeißen und Hoffen, Weitermachen, Anpassen. Gewürzt wird diese höchst menschliche Zusammenstellung mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus – und so schmeckt es mir am besten. Dörte Hansen kann alle Töne: die leisen, fast lautlosen, die wütenden, die perfiden. Virtuos entspinnt sie ihre Fäden, wickelt mich darin ein, sodass ich schneller und schneller umblättere und ihre Sätze inhaliere.

Vera ist ein Kaliber von Frau, außen hart und unnahbar, innen schwer verwundet. Schicht für Schicht wird sie entblättert, der vergebliche Wunsch nach der Aufmerksamkeit der Mutter taucht auf, die einstige Liebe zu Heinrich, der seit Jahrzehnten ihr Nachbar ist, die Angst vor ihrem Haus, das sie dennoch nicht verlassen kann. Anne ist viel weicher, nachgiebig, orientierungslos und sehr, sehr wütend – aber nur nach innen. Sie verabscheut die Hamburger Supermamis – und wirkt in dem Dorf im Alten Land selbst wie eine dieser 08/15-Großstadtmütter. Voller Ironie zeichnet Dörte Hansen die Figuren, die sich dort an der Elbe tummeln: die ehemaligen Werber und Banker, die auf dem Land plötzlich das „echte Leben“ zu entdecken meinen, allen voran Burkhard Weißwerth, die Bauern, die mit Gift düngen und die alten Fachwerkhäuser kaputtrenovieren – und beide Gruppen machen sich mit Vorliebe über die jeweils andere lustig. Wie die Autorin mit ihrem Burkhard verfährt, ist schlichtweg genial. Genau wie dieses ganze Buch, das ich dermaßen gut fand, dass es mir vorkommt, als sei es nur für mich allein geschrieben worden. Stimmt natürlich nicht. Ihr dürft es auch lesen. Tut es!

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Altes Land von Dörte Hansen ist erschienen im Knaus Verlag (ISBN 978-3-8135-0647-1, 288 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Dieser Roman ist wohltuend anders. Keine Romantik. Klischeefrei. Starke, knorrige Charaktere. Eine Geschichte, die lange nachklingt, wie das Ächzen und Knarren in dem großen dunklen Bauernhaus“, zeigt sich ndr.de begeistert.
– „Alle Figuren in meinem Buch haben irgendwie mit dem Thema Heimat zu tun“, sagt Dörte Hansen im Autorentrailer.

6 Comments

  1. Frolleinmueller

    Das hat mir meine Buchhändlerin auch schon empfohlen, soeben ist es ein ganzes Stück nach oben auf meiner Kaufen-Liste gerutscht :)

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