Gut und sättigend: 3 Sterne

Amy Bloom: Wir Glücklichen

IMG_8336„Mögen die Scharniere unserer Freundschaft niemals rosten“
Als Eva 12 Jahre alt ist, lässt ihre Mutter sie im Haus des Vaters mit einem Koffer und ohne ein Abschiedswort zurück. Dort lernt sie ihre vier Jahre ältere Halbschwester Iris kennen, die alles tut, um in Hollywood Erfolg zu haben. Dorthin ziehen die Schwestern tatsächlich, doch der Stern von Iris wird jäh abgeschossen, bevor er richtig steigen kann. Der Zweite Weltkrieg ist entbrannt, und nun müssen Eva und Iris zu Überlebenskünstlern werden, was ihnen dank einer reichen Familie gelingt. Als bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft mit dem Vater, einer schwarzen Sängerin, einem Waisenkind und einem schwulen Visagisten schlagen sie sich durch – bis ein schrecklicher Unfall sie auseinanderreißt …

Wir Glücklichen von Amy Bloom lag schon als Original Lucky Us auf meinem Wunschzettel. Umso mehr hab ich mich gefreut, dass der Atlantik Verlag es auf Deutsch herausgebracht hat. Ich kannte bisher nichts von Amy Bloom, die bereits zahlreiche Romane veröffentlicht hat. Für ihre Geschichte über zwei Schwestern im Amerika der 1940er-Jahre hat sie die kleine, unscheinbare Eva als Erzählerin gewählt, den uninteressantesten Charakter von allen: „Mein Vater war ein Becher der Etikette und der großen Ideen gewesen, Iris war eine Vase des Glamours, und ich war der kleine braune Krug der Sorge.“ Es ist ein Phänomen solcher Geschichten, dass sie immer von der farblosesten Figur erzählt werden, Vielleicht, um die anderen Charaktere – in diesem Fall die schönere, talentiertere Schwester – mehr strahlen zu lassen. Ganz so langweilig ist Eva eh nicht, immerhin legt sie Tarotkarten, um Geld zu verdienen, und hält die ganzen Scherben zusammen, als alles zerbricht.

Im Klappentext heißt es: „Bis Iris eines Tages zu weit geht und alles aufs Spiel setzt.“ Das stimmt so nicht. An den Ereignissen trägt Iris nur indirekt Schuld bzw. sie leidet darunter am meisten. Auch ist es nicht unbedingt wahr, dass zwischen den ungleichen Schwestern eine enge Freundschaft entsteht. Vielmehr handelt es sich um eine Art Zweckgemeinschaft, bei der man sich zufällig auch einigermaßen gut leiden kann. Alles in allem bietet Wir Glücklichen feine Unterhaltung, ausgezeichnet geschrieben, leicht kitschig, mit überraschenden Wendungen und einem perfekt passenden Ende. Besonders amüsiert haben mich die höchst ironischen Briefe von Gus, einem Mann, den Eva kennt und der unter gefährlichen Umständen während des Krieges nach Deutschland gebracht wurde. Empfehlenswert!

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Wir Glücklichen von Amy Bloom ist erschienen im Atlantik Verlag (ISBN 978-3-455-60029-2, 300 Seiten, 22 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Amy Bloom, selbst praktizierende Psychotherapeutin, hat mit “Wir Glücklichen” eine Geschichte geschrieben, die vor keiner Emotion Halt macht. Weder bei den Protagonisten, noch beim Leser. Figuren, die sich aus den Seiten heraus direkt ins Herz des Lesers schleichen. Figuren, denen man plötzlich alles verzeiht, egal welche Dummheit sie auch begangen haben. Der Krieg, der seinen Schrecken wie einen Schatten über den Seiten schweben lässt, und den man einfach nicht mehr los wird“, schwärmt frauhauptsachebunt.
– Hier findet ihr eine Leseprobe des Romans.

0 Comments

  1. Hört sich nicht schlecht an. Ich lese zwar am liebsten Geschichten, die in meiner Lebenszeit spielen, aber ich würde ein gutes Buch aufgrund dessen nie von vornherein ganz ausschließen. Es kommt also erstmal auf meine Merkliste, bis ich Zeit finde mir die Leseprobe genauer anzuschauen.
    LG, Katarina :)

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