Gut und sättigend: 3 Sterne

T. C. Boyle: Hart auf hart

IMG_8335Rebellentum ohne Tiefgang
„Es war Mitte der fünften Woche. Adam war noch immer auf freiem Fuß, und die Polizei drehte durch.“ Adam, der sich Colter nennt – nach einem Trapper, der einst reihenweise Indianer getötet hat –, versteckt sich im Wald. Er ist bewaffnet. Und er ist gegen das System. Ganz anders als sein Vater, ein Ex-Marine, der jedoch auch nicht vor Gewalt zurückschreckt, wie sich im Urlaub zeigt, wo er einen Angreifer kurzerhand umbringt. Eine Seelenverwandte findet Adam in der viel älteren Sara, die sich standhaft weigert, den Staat, mit dem sie „keinen Vertrag“ hat, und seine Regeln anzuerkennen. „(…) Sara zuzuhören, die ununterbrochen versuchte, ihn gegen die Regierung zu radikalisieren, wo er doch ohnehin tausendmal radikaler war als sie. Ihn regierte niemand. Sie waren sowieso alle Verbrecher, diese Politiker, jeder war von irgendeiner Interessensgruppe gekauft, und die Bullen waren nichts weiter als ihre Privatarmee.“ Statt sich im Auto anzuschnallen, geht Sara lieber ins Gefängnis. Und obwohl sie schnell merkt, dass Adam einen an der Waffel hat, macht sie aus Einsamkeit bereitwillig die Beine für ihn breit. Doch die Ereignisse geraten sehr schnell außer Kontrolle …

T. C. Boyle und ich hatten einen denkbar schlechten Start. Eine Bekannte, deren Lieblingsautor er ist, hat mir Der Samurai von Savannah geschenkt, um mich für ihn zu begeistern – und das ging komplett nach hinten los. Ich fand das Buch sauschlecht und wollte nichts mehr mit Boyle zu tun haben, Hype hin oder her. Doch dann wurde mir auf dem Bloggertag bei Hanser Literaturverlage so sehr von ihm vorgeschwärmt, und weil sein neuer Roman dann schon mal bei mir im Regal stand, hab ich ihn auch gelesen. Ich fand ihn um Welten besser als den Samurai, aber es ist trotzdem klar: Mit T. C. Boyle und mir, das wird nichts mehr. Es ist sofort auf den ersten Blick klar, warum Hart auf hart ein Aufreger ist: Weil seine Protagonisten Systemgegner sind, weil sie sich gegen Amerikas Regierung stellen, gar gegen die Idee des Regiertwerdens an sich. Wie sie sich jedoch eine Welt ohne System vorstellen, eine Gesellschaft ohne Gesetze und Moral und Staatsorgane, die für Sicherheit sorgen, bleibt unklar – für solche Überlegungen fehlt ihnen der geistige Horizont. Sara und Adam sind ungebildet, natürlich, denn das ist ein Zustand, der einhergeht mit blindem Aufbegehren und fanatischem Wahn. Denn was will ein Einzelner, der sich im Wald versteckt und wahllos Leute erschießt, ausrichten gegen das System? Er ist eine Eintagsfliege, unwichtig, machtlos.

Ich finde es schade, dass Hart auf hart in diesem Punkt nicht in die Tiefe geht. Die Hauptpersonen sind dumm, ihr Verhalten wirkt auf mich zu wenig zielgerichtet und daher sinnlos. Adams Vater, der eine eigene Perspektive bekommt, hätte sich ruhig mehr mit dessen Kindheit und Krankheit auseinandersetzen können – statt alles mit einem „er hatte immer schon Probleme“ abzutun. T. C. Boyles neuestes Buch ist gut geschrieben, beklemmend, spannend, mit interessanten Einblicken und einer halbwegs glaubwürdigen Geschichte, die jedoch irgendwie versandet. Ich hab es gern gelesen, aber es wird definitiv mein letztes Buch von diesem Autor bleiben.

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Hart auf hart von T. C. Boyle ist erschienen bei Hanser Literaturverlage (ISBN 978-3-446-24737-6, 400 Seiten, 23,60 Euro).

Noch mehr Futter:
– „T. C. Boyle ist ein Meister darin, ernste Themen locker zu erzählen. Die spannende Geschichte fließt leicht dahin und gleitet elegant in die Abgründe der amerikanischen Seele“, schreibt derstandard.at.
– „Eine tiefe Reflexion seiner Figuren darf man von diesem Roman nicht erwarten. Man muss den Plot einfach hinnehmen, und hat ohnehin kaum Zeit zur Besinnung, denn er treibt voran wie eine halsbrecherische Fahrt auf dem Lost Highway, und der Autor weiß nur zu gut, wie man so etwas bewerkstelligt. Beim leichtesten Anflug von Stagnation garniert er seine Story mit schmutzigem Sex“, heißt es auf faz.net.
– „Erzähltechnische Finessen sind Boyles Sache nicht; Hart auf hart ist in einer sturen Und-dann-und-dann-Chronologie abgehandelt. Das wiederum ist auch eine logische Konsequenz der Perspektive, denn am Ende, es kann gar nicht anders sein, muss die öffentliche Ordnung wiederhergestellt sein“, erklärt die Süddeutsche.

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  1. Könntest du dir vielleicht unseren Blog ansehen ? Wir haben erst vor kurzem begonnen und es wurde uns eine Freude machen von einer so professionalen Bücherbloggerin ein Feedback zu bekommen! Danke :)
    ~Annaudrey

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