Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

GaimanVon den endlosen Schrecken der Kinderfantasie
Ein Junge, der erst sieben Jahre alt ist. Seine Nachbarin vom Ende der Straße, Lettie Hampstock, elf Jahre alt, aber unendlich weise und furchtlos. Ihre Mutter und ihre Großmutter, die Hexen sein könnten oder Hellseherinnen. Ein Teich, der eigentlich ein Ozean ist, sowie eine Zwischenwelt, aus der unheimliche Wesen herüberkommen können. Und eine Frau namens Ursula, der niemand ansieht, wie gefährlich sie ist. Niemand außer einem siebenjährigen Jungen …

Das sind die Zutaten, aus denen der britische Autor Neil Gaiman ein geradezu erstaunliches Buch gemixt hat. Ein Buch, so düster wie ein Alptraum, gleichzeitig aber klug, vorsichtig und sprachlich ausbalanciert. Ich hatte letztes Jahr im Herbst am Rande mitbekommen, dass Der Ozean am Ende der Straße erschienen ist, hatte aber keine Ahnung, worum es dabei ging, und kannte auch den Autor nicht – und das, obwohl er, wie der Klappentext mir verrät, über 20 Bücher geschrieben und allerlei Preise eingeheimst hat. Nun ist es so, dass ihr bestimmt – genau wie ich – schon viele Romane gelesen habt, in denen der Protagonist als Erwachsener in seinen Heimatort zurückkehrt, wie etwa in diesem Fall anlässlich einer Beerdigung, und sich dann an seine Kindheit erinnert. Aber glaubt mir: So habt ihr diese Geschichte garantiert noch nie gelesen.

Denn Neil Gaiman lässt seinen kleinen Helden Dinge erleben, die man sich nicht mal vorstellen kann: schwarze Vögel, die das Böse aus der Welt löschen können, indem sie es zerfetzen, eine Großmutter, die Geschehnisse aus der Zeit schneidet, und einen gruseligen Wurm, der sich in seinem Fuß versteckt. Von all diesen unwahrscheinlichen Ereignissen erzählt der Autor mit nonchalanter Selbstverständlichkeit, als sei das alles ganz normal. Da ich wie immer komplett planlos an die Lektüre herangegangen bin, mich nicht über den Autor informiert habe und nicht mit einer solchen Portion Fantasy gerechnet habe, bin ich erst mal genauso baff wie der siebenjährige Ich-Erzähler. Ich könnte ja jetzt auch nicht behaupten, ein Fantasy-Fan zu sein. Aber: Der Ozean am Ende der Straße ist richtig gut. Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, es ist gruselig, unheimlich, unglaubwürdig, atemlos, dabei aber höchst liebenswert und zauberhaft. Ein Roman über Freundschaft, Vertrauen und die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Absolute Empfehlung!

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Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman ist erschienen bei Eichborn (ISBN 978-3-8479-0579-0, 238 Seiten, 18 Euro).

Noch mehr Futter:
– Einen sehr lesenswerten Bericht über ein Gespräch mit Neil Gaiman findet ihr auf welt.de.
– „Neil Gaiman erzählt mit diesem Roman eine übersinnliche, eine eigentlich ziemlich gruselige Geschichte, die rasch an Spannung gewinnt. Was ganz normal und wenig abseitig beginnt, mausert sich schließlich zu einem Buch voller Unerklärlichkeiten und Monstern verschiedenster Couleur“, schreibt Sophie von Literaturen.

0 Comments

  1. Interessant.
    Freitag war ich auf einer Veranstaltung, auf der dieses Buch auch vorgestellt wurde. Das Fazit fiel ähnlich aus – obwohl es ein paar Schwächen in der Dramaturgie hätte, bekam es eine definitive Leseempfehlung. Weil es einfach zu mitreißend sei.

    Herzliche Grüße

    Sonja

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  2. Das Buch hatte ich gerade erst in der Buchhandlung in der Hand, konnte mich aber nicht zwischen der englischen und deutschen Version entscheiden. Aber jetzt hast du mich neugierig gemacht! Besonders, da ich Neil Gaiman sehr gerne lese. Ich empfehle immer „Der Sternwanderer“ von ihm, weil es sooo schön ist.
    Viele Grüße, Maike

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  3. Ich habe mir das Buch auf der Lesung des Autors in Köln zugelegt und es ebenfalls sehr gerne gelesen. Danke für die schöne Besprechung, die auch meine eigenen Leseeindrücke spiegelt. Ich hatte zuvor schon mehrere Bücher von Neil Gaiman gelesen, beispielsweise auch das von vielen so innig geliebte „American Gods“, aber der viel schlichtere, einfachere und trotzdem so eindrucksvolle „Ocean“ hat mir bisher am besten gefallen.

    Viele Grüße,
    Melanie

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    1. Mariki Author

      Hallo Melanie, schön, von dir zu hören! Ich lese immer mal wieder in deinem Blog und hab mich sehr gefreut, als ich dein neues Buch in der Vorschau entdeckt habe. Gratulation dazu!
      Scheinbar kennt jeder Neil Gaiman außer mir 😉 Aber so toll ich den Roman auch fand, ich werde kein zweites Buch von ihm lesen … so many writers, so little time 😀
      Alles Liebe
      Mareike

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      1. Danke, liebe Mariki! Ich freue mich sehr, dass Du ab und zu in meinen Blog reinschaust. Und dass Du auf mein Buch gestoßen bist, ist großartig. Wie schön!
        Hach, mit „so many writers, so little time“ triffst Du echt einen Nerv bei mir. Ich blicke auf die lange Liste an Büchern, die ich in diesem Leben noch lesen möchte, und weiß jetzt schon, dass ich das niemals schaffen werde. Wir müssen mindestens 1000 Jahre alt werden. 😉

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