Netter Versuch: 2 Sterne

David Ballantyne: Sydney Bridge Upside Down

BallantyneSubtiler Horror aus Neuseeland
„Es gab fünf Häuser, nur noch fünf, die übrig geblieben waren aus einer Zeit, als hier viele Menschen gewohnt hatten, weil es in der Fleischfabrik viel zu tun gab. Fünf Häuser in einer Reihe, fünf Häuser und ihre Bewohner“ – mehr gibt es nicht in Calliope Bay. In den Sommerferien vertreibt sich der 13-jährige Harry die Zeit damit, mit seinem Bruder Cal und seinem Freund Dibs in der Fabriksruine herumzuklettern oder am Hafen auf der Einlaufen eines Schiffs zu warten, in einer Höhle Zigaretten zu rauchen und mit einer Pistole zu spielen. Harrys Mutter verbringt den Sommer in der Stadt, die drei Männer schmeißen den Haushalt allein, und obwohl keiner es ausspricht, scheint klar zu sein, dass sie nicht zurückkommen wird. Harry ist verschossen in Susan Prosser, die ihm jedoch die kalte Schulter zeigt. Das spielt allerdings keine Rolle mehr, als Harrys ältere Cousine Caroline eintrifft – sie ist schön, freizügig, und Harry liebt es, nackt mit ihr Fangen zu spielen. Sie amüsiert sich über seine Verknalltheit und testet ihre Grenzen aus. Das passt Harry überhaupt nicht, und er kann überraschend gefährlich werden …

David Ballantyne gehört zu Neuseelands berühmtesten Autoren und ist 1986 gestorben. Sein Heimatort Hicks Bay, eine kleine Hafenstadt, diente ihm als Location-Vorlage für diesen seinen fünften Roman, der 1968 erschienen ist und zuvor nie auf Deutsch übersetzt wurde. Sydney Bridge Upside Down ist der Name eines Pferds, das im Buch vorkommt – ein überaus origineller Name. Originell ist auch die Geschichte über einen heißen Sommer am Ende der Welt, in dem Dinge geschehen, die sich niemand erklären kann. Wenn man es so sagt, klingt es nach einer 08/15-Story, aber glaubt mir, das ist keine. Dieser Roman ist seltsam uneindeutig, und während ich das Rätselraten beim Lesen ganz unterhaltsam finde, frage ich mich am Ende, ob alles tatsächlich so war, wie ich es mir zusammengereimt habe. Und weiß es nicht. Denn Ich-Erzähler Harry schwafelt gnadenlos viel, verschweigt aber das Essenzielle. Um konkret zu werden: Es sterben Menschen in diesem Buch. Und die Frage ist, wer Schuld daran trägt.

Ich habe Sydney Bridge Upside Down gelesen, weil die Klappentexterin einst davon geschwärmt hat. Ich bin eingetaucht in eine unheimliche Geschichte, die so offenherzig-naiv daherkommt, dabei aber nur schlecht die düsteren Geheimnisse verschleiert. Das ist eine kuriose, aber interessante Mischung. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mir letzten Endes doch ein wenig mehr Aufklärung gewünscht hätte. Und dass der arrogante, pubertäre Harry zwischendrin ganz schön nervt. Trotzdem ist dieser neuseeländische Klassiker bestechend gut, weil er einen Jungen porträtiert, der nach außen hin lieb ist, aber im Herzen eine Mördergrube hat, und weil er Einblicke bietet in eine raue Welt, von deren Rand man sehr leicht runterfallen kann.

Sydney Bridge Upside Down von David Ballantyne ist erschienen im Hoffmann und Campe Verlag (ISBN 978-3-455-40372-5, 336 Seiten, 19,99 Euro).

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Noch mehr Futter:
– „Was sich wie eine leichte Erzählung über unschuldige Sommertage anlässt, wie eine der üblichen Coming-of-Age Geschichten, schlägt schon bald um in eine schauerliche, Grauen erregende Geschichte und wird dabei zu einem Märchen ohne Erlösung und Vergebung“, schreibt Literaturzeitschrift.de.
– „David Ballantyne wollte seinerzeit die neuseeländische Gesellschaft an den Pranger stellen“, heißt es auf deutschlandradio.de.
– „Verwundert erkennen die LeserInnen manche Zusammenhänge erst am Schluss, als auch Harry die Geschehnisse aus einer anderen Sicht reflektiert. Befürchtungen und Vermutungen, die zwischen den Zeilen schwelten, bestätigen sich“, erklärt schreib-lust.de.
– Und hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

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