Gut und sättigend: 3 Sterne

Andrea Molesini: Im Winter schläft man auch bei Wölfen

IMG_7736„Tränen, die man verschluckt, tun, glaube ich, am meisten weh“
„Der Tod ist wie Fieber, wenn einer stirbt, der dich lieb hat, kriegst du auch was von seinem Tod ab“, sagt Pietro, und obwohl er erst zehn Jahre alt ist, weiß er, wovon er spricht. Denn es tobt der Zweite Weltkrieg und Pietro hält sich mit seinem gleichaltrigen jüdischen Freund Dario und mehreren Frauen in einem Kloster versteckt. Doch bald spüren die Schergen der Nazis sie auf, und die Buben müssen fliehen – über das Meer. Völlig unerwartet kommt ihnen dabei ausgerechnet ein Deutscher zu Hilfe, dem sie fortan folgen müssen – ohne seine eigentlichen Absichten zu kennen …

Andrea Molesinis zweiter Roman Im Winter schläft man auch bei Wölfen lebt von der Fantasie eines kleinen Jungen. Ich-Erzähler Pietro hat es nicht so mit Zahlen – damit kennt sein Freund Dario sich aus –, dafür sind die Worte sein Metier. „Ich mag lange Wörter, die ein bisschen hin und her rutschen, wie wenn man mit dem Schuh in Scheiße tritt.“ Er erzählt von den Schrecken des Krieges und der Flucht mit dem erstaunlichen Sprachschatz eines Kindes. Pietro ist schlau und gewieft: „Ich weiß, worin das Unglück der Welt besteht. Die Welt ist mit den Augen Gottes erschaffen worden – auch wenn ich an die Sache mit den sechs Tagen nicht glaube –, aber sie wird von uns bewohnt, die wir kleine Augen haben, und so verstehen wir wenig davon.“ Er ist ein begnadeter Beobachter, der weiß, dass man als Zehnjähriger nicht für voll genommen wird, obwohl man viel hört, sieht und versteht. Für die Menschen, mit denen er in dieser schweren Stunde unterwegs ist, findet er wunderbar treffende Worte: „Nach außen hin wirkt der Ire ruhig, aber ich spüre, dass er innen wie ein Glas mit einem Riss drin ist; wenn man es füllt, zerspringt es“, sagt er über den Mann, der sie mit dem Schiff fortbringt. Und über Pater Ernesto denkt er: „Er spricht von Gott, wie man von einer Einkaufstasche mit Gemüse sprechen würde, nicht respektlos, im Gegenteil, aber wie von etwas, das man bei sich trägt und das ab und zu nützlich sein kann.“

Ob ich Andrea Molesini abnehme, dass ein Zehnjähriger sich derart schön ausdrücken kann, sei dahingestellt: Ich genieße seine kindlich-naive, aber wunderbar intelligente Fabulierkunst und staune über die herrlich glitzernden Sätze wie auch diesen: „Jetzt habe ich keinen Hunger mehr. Ich glaube, der Hunger ist ein Tier mit drei Reihen spitzer Zähne, das dich von innen her auffrisst, und auch wenn es leiser ist als der Mond, diese Zähne spürst du jeden einzeln, weil sie kalt sind wie die Perlen am Hals von reichen Frauen.“ Im Winter schläft man auch bei Wölfen fasziniert mit der Magie, die von seinem kleinen Helden ausgeht. Inhaltlich gibt der Roman nicht unbedingt viel her, die Handlung wird vorangetrieben und auf „Erwachsenen-Niveau“ von der falschen Nonne Elvira erklärt, die sich auf der Flucht zu dem geheimnisvollen Deutschen hingezogen fühlt. Es ist Krieg, es gibt nichts zu essen, es wird viel geschossen – so weit, so schlimm, so Standard. Doch dank der eigenwilligen Sprache und der ungewöhnlichen Perspektive ist dies ein durchaus lesenswertes, anrührendes, nachdenklich stimmendes Buch.

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Im Winter schläft man auch bei Wölfen von Andrea Molesini ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-96783-9, 272 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Die Handlung dieses Romans ist für mich nicht herausragend, sie hebt sich nicht sehr aus der Masse an Kriegserzählungen hervor. Was aber sehr bezeichnend für das Buch ist, ist der Ton, den Andrea Molesini anschlägt, diese Wortgewalt, mit der mich die Erzählung traf!“, erzählt irveliest.
– Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. alexandraluchs

    Vielen Dank für die schöne Rezension! Ich habe absolut noch nirgends etwas von diesem Buch gehört und der Titel hat mich sofort gefangen, die Weltkriegs-Thematik ist bei mir im Moment ein bisschen erschöpft, aber dank deiner Rezension konnte ich ein bisschen an der tollen Sprache schnuppern! :)

    Viele Grüße
    Alexandra

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    1. Mariki Author

      Das versteh ich gut! Dieses Buch kann man aber trotzdem gut lesen, weil der Fokus stark auf dem Protagonisten und seiner wunderbaren Weltsicht liegt. Du kannst es ja einfach mal im Hinterkopf behalten!

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