Gut und sättigend: 3 Sterne

Harriet Lane: Alys, always

LaneBeklemmender Bericht einer Manipulation
Frances ist nicht mehr ganz jung, alleinstehend, gelangweilt von ihrem Leben, in dem nicht allzu viel passiert: Sie wohnt in London, arbeitet beim Feuilleton einer Zeitung, darf aber keine Rezensionen schreiben, sondern liest nur Korrektur. Ab und an besucht sie ihre Eltern auf dem Land, mit denen sie derart wenig verbindet, dass sie kaum glauben kann, wirklich in ihrem Haus aufgewachsen zu sein. Als Frances kurz nach Weihnachten von einem dieser Besuche nach Hause fährt, sieht sie ein Auto, das über die Böschung gekracht ist und auf der Seite liegt. Frances kann die Frau, die im Auto eingeklemmt ist, nicht sehen, spricht aber mit ihr, bis die Rettungskräfte eintreffen. Später erfährt sie, dass die Frau Alys hieß und verstorben ist. Frances willigt ein, sich mit der Familie zu treffen, um Alys‘ Ehemann, dem Schriftsteller Laurence, sowie den erwachsenen Kindern Teddy und Polly von den letzten Momenten mit Alys zu erzählen. Die Familie ist reich, und Frances würde gern zu dieser Gesellschaftsschicht gehören. Sie freundet sich mit der labilen Polly an, bietet ihr Unterstützung, und kommt langsam ihrem eigentlichen Ziel näher: Laurence.

Alys, always von Harriet Lane ist mir durch eine Empfehlung in der New York Times aufgefallen. Die Geschichte klang spannend – und das ist sie auch. Mit ihrer Protagonistin hat Harriet Lane, die in London lebt und für verschiedene Zeitungen schreibt, eine Frau geschaffen, die zwar in der Ich-Form erzählt, trotzdem aber nicht zu durchschauen ist. Das, was geschieht, ist eine verrückte Mischung aus Zufall und gezielter Manipulation. Frances kann das Zusammentreffen mit Alys nicht steuern, auch nicht Pollys Interesse an ihr oder Laurences aufkeimende Gefühle. Gleichzeitig aber versucht sie sehr wohl, Einfluss auf die Geschehnisse zu nehmen – um sich in die Familie Kytes einzuschleichen. Das ist irgendwie beklemmend, wahnsinnig unsympathisch und dabei doch sehr menschlich. Frances ist ein Chamäleon, und es fasziniert mich, wie gut sie die Menschen beobachtet und einschätzen kann. Sie bedrängt niemanden, ist sehr geduldig und wartet ab, wird immer präsenter, bis sie aus der Familie nicht mehr wegzudenken ist. Alys, always ist die Studie einer unzufriedenen, hohlen, langweiligen Frau, die ihre Chance gekommen sieht – und skrupellos zugreift. Das Buch ist kein Thriller, sondern eher eine subtile, simple Erzählung mit dem einen oder anderen Überraschungseffekt. Lesenswert!

BannerAlys, always von Harriet Lane ist erschienen bei Weidenfeld & Nicolson (ISBN 978-0297865018, 224 Seiten, 9,30 Euro).

Kommentar verfassen