Gut und sättigend: 3 Sterne

Boris Meyn: Der Kuss

MeynDie geheimnisvolle Kraft der Anziehung
Der Bildhauer Peter, der einst in Hamburg studiert hat, aber seit 20 Jahren in Frankreich lebt, kehrt nach Deutschland zurück – wegen eines Schecks in Höhe von sechs Millionen Euro, den ihm seine Ex-Freundin Anelis geschickt hat. Sie leitet inzwischen eine Kunstgalerie. Mit ihr und seinem Freund Theo war Peter eng verbunden, bevor er das Dreiecksverhältnis nicht mehr ertrug und nach Frankreich flüchtete. Dort führt er mittlerweile mit einem Kompagnon ein sehr erfolgreiches Restaurant, in dem es nur ein Gericht gibt. In Hamburg fällt ihm in erster Linie auf, wie sehr sich die Stadt verändert hat – genau wie seine früheren Freunde Mark, Julia und Swantje. Peter sieht sich alles an, taucht in die Vergangenheit ein, zieht Vergleiche – und schließt endgültig ab.

Der deutsche Autor Boris Meyn, der als Verfasser historischer Krimis zu Ruhm gelangte, hat mit Der Kuss eine Geschichte über einen Egozentriker geschrieben, der einen Blick auf das Leben wirft, das jene führen, die ihm zwei Jahrzehnte zuvor zu Füßen lagen. Boris Meyn bedient sich dazu einer reichlich exaltierten, gestelzten Sprache, die sich eher ruckartig liest, weil sie so arg darauf bedacht ist, Wortwiederholungen zu vermeiden und rundum schön zu sein. Trotzdem ist der Roman unterhaltsam und interessant, mit netten Wendungen und einem absolut vorhersehbaren, aber sehr stimmigen Ende. Ich hab ihn gern und schnell gelesen und mich über die eingebildeten Schnösel, zu denen die einstigen vermeintlichen Revoluzzer geworden sind, amüsiert.

Das Problem, das ich mit Der Kuss habe, ist ein klassisches Klappentext-Problem. U2 und U4 attestieren dem Protagonisten eine geheimnisvolle Gabe, die Fähigkeit, seine Mitmenschen zu bezaubern. Das klingt für mich nach Magie, nach einer unwiderstehlichen Anziehungskraft, nach vielen Überraschungen und surrealen Ereignissen. Tatsache aber ist: Peter wird im Zug von einer Frau angesprochen. Ein Mann verliebte sich einst in ihn. Zwei Frauen auch. Manch eine wollte mit ihm zusammenziehen und Kinder bekommen. Was er als ungewöhnliche Vereinnahmung bezeichnet, die nur ihm geschieht und sonst niemandem, wirkt auf mich ganz normal. Er ist ein Mensch mit Charisma – mehr nicht. Seine Gabe existiert nur in seiner arroganten Fantasie. Zudem heißt es im Umschlagtext, Peter merke, „dass es ein verhängnisvoller Fehler war, aus der Stadt zu fliehen“. Das macht neugierig. Stimmt aber überhaupt nicht. Denn im Buch steht: „Ich konnte nur ahnen, was sich hier abgespielt hatte, und im Nachhinein fühlte ich mich in dem Entschluss bestätigt, dem Ganzen rechtzeitig den Rücken gekehrt zu haben.“ So viel also zu den interessanten Verhängnissen – es gibt sie nicht. Aufgrund dessen waren meine Erwartungen an die Lektüre völlig falsch. Das ist schade, aber nicht unbedingt weiter schlimm – das Buch ist trotzdem gut. Wenn auch nicht so herausragend, wie ich gehofft hatte.

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Der Kuss von Boris Meyn ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100544, 266 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– Hier könnt ihr dem Autor beim Lesen zuhören.
– „Die innere Zerrissenheit des Peter Baumann, die er auch nach knapp 30 Jahren Abwesenheit aus Hamburg hier jetzt wieder spürt, ist sehr gut beschrieben und nachzuempfinden“, heißt es auf sabstern.de.
– Auf lovelybooks.de gibt es eine Leserunde zum Buch.
– Hier könnt ihr den Roman auf ocelot.de bestellen.

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