Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Lisa O’Donnell: Bienensterben

ODonnell„Ich lass mir niemals ein Tattoo stechen. Meine Geheimnisse sind sicher in meinem Inneren eingeritzt, und da sollen sie auch bleiben“
An ihrem 15. Geburtstag hebt Marnie mit ihrer jüngeren Schwester Nelly ein Grab aus – für ihre Eltern. Gene wurde mit einem Kissen erstickt, Izzy hat sich aufgehängt. Für die Mädchen macht es keinen großen Unterschied, dass die Eltern tot sind, denn die haben sich vorher auch nie um ihre Kinder gekümmert, sondern sich mit Alkohol und Drogen weggeschossen. Blöd ist nur, dass es jetzt im ganzen Haus nach Verwesung stinkt. Und dass die Mädchen kein Geld haben. Und dass ihnen die Behörden auf die Schliche kommen und die Schwestern ins Heim stecken könnten. Das erste Problem löst Marnie mit Bleiche, das zweite mit einem Job bei Drogendealer Mick, von dem sie sich auch vögeln lässt. Beim dritten Problem setzen die Schwestern auf Zeit. Nachbar Lennie, ein alter, einsamer, homosexueller Mann, merkt bald, dass nebenan etwas faul ist, aber statt Fragen zu stellen, sorgt er für Marnie und Nelly, kocht für sie, lässt sie bei sich schlafen, freut sich über ihre Gesellschaft. Weder in der Schule noch beim Sozialamt merkt jemand, dass Gene und Izzy tot sind, und so glauben die Mädchen, sie könnten bis zu Marnies 16. Geburtstag unentdeckt bleiben, sodass sie das Sorgerecht übernehmen kann. Doch dann taucht Izzys Vater auf, der früher Alkoholiker und ein Schläger war. Jetzt ist er trocken und religiös – und fest entschlossen, seine Tochter zu finden …

Lisa O’Donnell, die in L. A. lebt, hat mit ihrem ersten Roman Bienensterben ein richtig krasses Buch geschrieben. Wenn man es öffnet, fliegt einem sofort die Scheiße um die Ohren. In einem derben, direkten Ton berichten die Ich-Erzählerinnen Marnie und Nelly, was passiert ist, seit sie ihre Eltern im Garten verbuddelt haben. Sie haben Angst. Sie haben Hunger. Und sie sind allein. An all das sind sie seit ihrer frühesten Kindheit gewöhnt, denn Gene und Izzy waren beschissene Eltern. Trotzdem ist es schwierig für die Mädchen, das Geheimnis ihren Freundinnen gegenüber zu wahren, nicht auszuflippen, so zu tun, als sei alles normal: „Wir haben uns in der Bibliothek getroffen und sollten Lerngruppen bilden. Es war voll der Krampf, wir hatten so ungefähr nichts gemeinsam. Ihre Eltern sind Steuerberater und Anwälte, und meine sind im Garten begraben.“ Zur Überraschung ihres Umfelds sind Marnie und Nelly richtig schlau, schreiben gute Noten, hätten gute Zukunftsaussichten. Doch keiner, der aus ihrem Viertel stammt, bringt es zu irgendwas. Gewalt und Drogen prägen hier das Leben der Arbeitslosen, Junkies und Zuwanderer. Lennie, der im Buch ebenfalls eine eigene Perspektive bekommt, gilt als Perverser, ist aber eigentlich eine gute Seele. Was man vom plötzlich auftauchenden Opa nicht behaupten kann – und so sind die Mädchen ständig irgendeiner Gefahr ausgesetzt. Das ist der helle Wahnsinn.

In Bienensterben wird geschrien, geheult, gekotzt und gevögelt. Der Roman ist heftig, schonungslos, bitter. Lisa O’Donnell rückt Existenzen ins grelle Rampenlicht, die für gewöhnlich nur im Schatten stehen. Marnie und Nelly sind tough und verletzlich zugleich, völlig verzweifelt, aber zäh. Sie kämpfen ebenso miteinander wie gegeneinander. Die Autorin skizziert ihre Figuren absolut glaubwürdig und auf sehr ergreifende Weise. Natürlich geht ihr Buch unter die Haut – und zwar wie mit einem Tacker, der losschießt und sich festhakt. Es ist mir kaum möglich, Bienensterben zur Seite zu legen, so sehr fesselt mich diese ungewöhnliche, knallharte Story aus einer Welt, die mir völlig fremd ist. Zum Glück. Absolute Empfehlung!

Bienensterben von Lisa O’Donnell ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9728-5 , 320 Seiten, 16,99 Euro).

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Noch mehr Futter:
– „Bienensterben ist ein ungewöhnliches, ein aufrüttelndes Buch, das uns wieder einmal ins Gedächtnis ruft, wie viel Leid und Hilflosigkeit sich hinter so mancher verschlossener Haustür verbirgt“, schreibt Sophie in ihrer Rezension auf Literaturen.
– „Lisa O’Donnells Debüt Bienensterben beeindruckt mit sprachlicher und erzählerischer Raffinesse“, heißt es im Medienjournal-Blog.
– „Wenn überhaupt, dann ist Bienensterben von Lisa O Donnell die unartige Hänsel-und-Gretel-Rache an einer durch und durch schlechten Erwachsenenwelt“, urteilt Karo von deepread.
– Und hier könnt ihr den Roman auf ocelot.de bestellen.

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