Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ned Beauman: Glow

Beauman„Es ist mir schon beinahe peinlich, dass ich noch nie jemanden entführt habe. Als wäre man der Letzte in der Klasse, der noch nie an einem Mädchen rumgefingert hat“
Raf leidet an einer seltsamen Schlafstörung, die dazu führt, dass er einen 25-Stunden-Rhythmus hat. Das bedeutet, dass er nie mit den normalen Menschen synchron ist und keiner geregelten Arbeit nachgehen kann. Er führt jeden Tag den Hund aus, der auf einem Dach die Senderbox eines Piratensenders bewacht, und ist ständig im Londoner Nachtleben unterwegs – gemeinsam mit seinem Freund Isaac, der DJ ist und regelmäßig bewusstseinsverändernde Substanzen ausprobiert. Gerade als Raf die neue Modedroge Glow testen will, lernt er die schöne Cherish kennen. Wenig später trifft er sie durch einen vermeintlichen Zufall wieder – und steckt plötzlich mittendrin im Kampf der burmesischen Einwanderer, zu denen Cherish gehört, gegen den skrupellosen Megakonzern Lacebark. Burmesen werden auf offener Straße von geräuschlosen weißen Lieferwagen entführt, Lacebark baut in geheimen Hallen eine täuschend echte Stadt nach, und Raf erfährt nach und nach, was das eine mit dem anderen zu tun hat – und dass für die Herstellung von Glow Fuchsscheiße essenziell ist. Die ganze Sache könnte fast ein bisschen Spaß machen – wäre Rafs Freund Ted nicht schon tot und er selbst in größter Gefahr.

Glow von Ned Beauman ist ein erstaunlich verrücktes Buch. Und dabei erstaunlich wenig anstrengend. Sondern vielmehr rasant, absurd, amüsant und unterhaltsam. Der englische Autor, der als Journalist arbeitet, hat sich für seinen dritten Roman eine reichlich komplizierte Geschichte ausgedacht, in der alles wild durcheinanderwirbelt: Drogen, Freiheitskampf, Entführungen, Agenten, Burmas Dschungel, jede Menge Füchse und die Hormone der Verliebten. Ich verliere bei abstrusen Geschichten, die zu sehr ausufern, schnell die Geduld. Bei Glow ist das aber überhaupt nicht der Fall. Zwar frage ich mich ungefähr auf jeder dritten Seite, was dem Autor wohl noch Unerwartetes einfällt, aber es gelingt ihm, mich trotz aller Verrücktheiten bei der Stange zu halten. Glow verlangt viel Konzentration und Aufmerksamkeit – dann versteht man es auch.

Dieses Buch macht überhaupt keinen Sinn. Nein, okay, ein bisschen schon. Obwohl – eigentlich doch nicht. Glow ist ebenso originell wie verwirrend, lustig, wild und absolut unvorhersehbar. Das Schöne an dem Roman ist, dass er nicht belehren will, dass die Moral nur ab und zu beim Fenster hereinschaut und dass es mehr um das pure Vergnügen an einer fantasievollen Story geht. Raf ist ein sympathischer, planloser junger Kerl, sehr authentisch und glaubwürdig, obwohl nichts von dem, was ihm zustößt, auch nur annähernd wahrscheinlich erscheint. Auf ihn und auf mich warten in diesem Buch jede Menge Überraschungen, und die sind alles andere als positiv. Machen aber umso mehr Spaß beim Lesen. Glow ist – Entschuldigung – ein kleines Glühwürmchen von einem Buch, das herausleuchtet aus der Masse der Neuerscheinungen. Und deshalb solltet ihr es lesen!

BannerGlow von Ned Beauman ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-40454-8, 320 Seiten, 22 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Manchmal köstlich, mitunter schwer verdaulich, eindeutig berauschend – auch wenn man zeitweise keine Ahnung hat, was man eigentlich konsumiert“, schreibt diepresse.com.
– „And it is worth taking a moment to celebrate Beauman’s great originality and skill – as a maker of phrase, as a master of simile, as a scrupulous selector of words“, heißt es auf theguardian.com.
– Hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

Kommentar verfassen