Für Gourmets: 5 Sterne

Wolf Haas: Brennerova

Haas„So zufrieden waren die Leute früher auch nicht. Aber sie sind gestorben, bevor sie es bemerkt haben“
Eigentlich ist der Brenner ja selber schuld. Weil er schon gewusst hat, dass das in die Hose geht, wenn er sich im Internet eine Russin anlacht. Aber er ist halt auch nur ein Mann. Und die Nadeshda unglaublich schön. Model Hilfsausdruck. Da kann der Brenner nicht aus, der Kriminalpolizist i. R., und so fährt er nach Nischni Nowgorod, wo er von einem Kind bewusstlos geschlagen wird. Und dann auch noch die Schwester von der Nadeshda. Die soll er suchen. Weil die vielleicht in Wien zwangsverprostituiert wird. Jetzt könnte dem Brenner die Herta, seine neue alte Lebensgefährtin, die er wiedergetroffen hat, das eigentlich ausreden. Aber interessant. Die wandert neuerdings gern durch Marrakesch oder sucht in der Mongolei ihr Krafttier und ist eh angetan davon, dass der Brenner eine Aufgabe hat. Der ist ja auch prädestiniert für den Fall: „Weil nach neunzehn Jahren Polizei erkennst du natürlich nicht jeden Kriminellen auf den ersten Blick, aber es gibt eindeutige Fälle. Wenn die fiese Visage zusammenkommt mit dem speziellen Muskelaufbau, den du nur von den Klimmzügen an einer Zellentür kriegst, dann weißt du als erfahrener Kripomann, dass du nicht den Radwegebeauftragten der Stadt Wien vor dir hast.“ Weswegen der Brenner sich jetzt mit abgehackten Händen und der Fremdenpolizei beschäftigen muss. Das macht ihn saugrantig. Weil: „Wenn du im Internet einen Riesensex ohne Verantwortung gesucht und als Ergebnis eine Riesenverantwortung ohne Sex gekriegt hast, dann bist du vielleicht bei den Kleinigkeiten überempfindlich.“ Aber wie gesagt, selber schuld. Nur: „Zum Glück waren ausweglose Situationen immer schon das, wo der Brenner erst auf Betriebstemperatur gekommen ist.“

Der Wolf Haas ist mir ein bisserl passiert. Ich bin nämlich eigentlich kein Brenner-Fan, weil nur den ersten und den bisher letzten Teil gelesen. Aber Das Wetter vor 15 Jahren – absolut genial. Und ein bisserl Verbundenheit zum Wolf Haas, weil am selben Institut studiert. Und mein Professor mir immer vorgeschwärmt von ihm. Außerdem noch: der Josef Hader. Also der ist ja eigentlich der bessere Brenner als der Brenner selber. Und ich mir – ganz untypisch als Bücherwurm – alle Filme angeschaut. Und mich ein bisserl verliebt. In den Hader halt, obwohl der alt ist, aber mein Humor. Und somit in den Brenner. Indirekt also in den Haas. Und somit in seinen Sprachstil, weil wenn du einen Brenner-Roman liest, kommst du um die eigenwillige Sprache nicht herum. Wo der Haas jetzt schuld ist, dass alle Deutschen denken, die Österreicher reden so. Also Bloßstellung nix dagegen. Dabei ist das ein Schmarrn. Weil ich zum Beispiel könnt das gar nicht.

Aber das Buch. Das solltet ihr lesen. Allerdings nur, wenn ihr den Brenner schon kennt. Wenn nicht, ist das eigentlich noch besser: Dann könnt ihr alle anderen Brenner-Bücher noch vorher lesen. Und euch dann beschäftigen mit dieser höchst amüsanten Geschichte rund um Tätowierungen in fremden Sprachen, einen Streit zwischen Schwestern und einen schamanischen Ochsen. Der Haas, der hat nämlich ein ganz merkwürdiges Talent: Der schreibt komplett haarsträubende Geschichten, und ich glaub sie ihm trotzdem. Und lachen muss ich auch noch dabei. Deswegen passiert jetzt Folgendes: Ich warte auf den nächsten Roman. Weil angefixt. Und ihr lest diesen hier. Pflichtlektüre! Ob ihr es glaubt oder nicht. Gutes Buch quasi Hilfsausdruck.

BannerBrennerova von Wolf Haas ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-40499-9, 240 Seiten, 20 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Der Journalist, der in Brennerova eine Rotlichtzeitung betreibt, war ursprünglich als Hauptfigur konzipiert. Nach und nach ist aber der Tätowierer, der bloß eine Nebenfigur war, immer interessanter geworden. Also musste ich den Journalisten entsorgen“, erklärt Wolf Haas in diesem sehr amüsanten Interview auf welt.de.
– „Aber so ein Haas langweilt nie, auch nicht sich selbst, auf jeder Seite bietet er wie stets Überraschungen und Spannung, sodass man beim Lesen immer gieriger wird“, heißt es in dieser Rezension auf kurier.at, in die auch Videos vom Haas beim Lesen eingebaut sind.
– „Auch die oft abgründigen Doppeldeutigkeiten gehören seit dem ersten Fall zum festen Repertoire. Das Meiste im mittlerweile achten Brenner-Roman ist nicht neu, funktioniert aber noch immer“, zeigt sich auch die sueddeutsche angetan.
– Und hier solltet ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. Ja, „Das Wetter vor 15 Jahren“! Herrlich! Erstes Buch war „Silentium“, dann süchtig. Wegen der Sprache und des Witzes, quasi Sprachwitz. Lese keine Krimis, nur Brenner. Ob Du’s glaubst oder nicht: Hier kannst Du lachen. Viel lachen!

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  2. Dem Haas habe ich gestern auf Bayern 3 gelauscht, vor so viel Sympathie und Geistreichtum kann ich nur seufzen.

    Das Wetter vor 15 Jahren fand ich genial, zu den Brenner-Romanen habe ich trotzdem noch nicht gegriffen. Wird nachgeholt, versprochen! (Habe einen davon allerdings schon verschenkt, und zwar an meinen Vater. Kommentar: »Ja, liest sich … interessant.«)

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      1. Das ist bei meinem Vater immer schwierig zu sagen. Auf die Frage hin, ob er’s denn auf gute Weise interessant fand und noch weitere Brenner lesen wollen würde, meinte er: »Ja, schon.«

        Und ja, ich selbst werde definitiv mit dem ersten anfangen und nicht mit Brennerova.

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