Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Wajdi Mouawad: Anima

Mouawad„Da begriff ich, dass dieser Mann sein Schicksal vor langer Zeit mit dem der Tiere verbunden hatte, auf eine Art und Weise, die nur er selbst verstand“
Eine Frau wird bestialisch ermordet, vergewaltigt, zum Sterben liegen gelassen mit dem Baby in ihrem Bauch. Ihr Ehemann verliert fast den Verstand vor Kummer. Die Polizei weiß bald, wer der Mörder ist, nimmt ihn aber nicht fest, weil er eine wichtige Figur im illegalen Geschäft rund um die Indianerreservate zwischen Kanada und den USA ist. Also macht der Mann sich auf die Suche nach dem Mörder. Er will ihn nicht töten, er will ihm nur ins Gesicht sehen. Auf dieser Reise muss er dem Grauen wieder und wieder entgegentreten und findet schließlich in seiner eigenen Kindheit die schlimmsten Gräueltaten überhaupt. Beobachtet und begleitet wird er auf seiner Suche von den Tieren, und sie erzählen seine Geschichte. Sie hören ihm zu, sie beschreiben ihn, sie sehen in sein Innerstes: „Endlich erkannte ich sein wahres Ich. Er versteckte sich hinter dem Aussehen eines Menschen, aber in Wahrheit war sein Herz von einem unsichtbaren Netz umsponnen, dessen Seide aus seinem eigenen Fleisch bestand, und die Bestie, die ihn gefangen hielt und sich von seinen Eingeweiden ernährte, war niemand anderes als er selbst.“ Die Hauskatze, der Hund, der Wolf am Straßenrand, die Schlange im Terrarium oder die Spinne in der Bar: Alle nehmen diesen Mann wahr, der eine einzigartige Verbindung zu Tieren hat, seit er mit einigen von ihnen lebendig begraben wurde. Die Tiere beschützen ihn, helfen ihm – und können seine abgrundtiefe Verzweiflung dennoch nicht mildern.

Anima von Wajdi Mouawad ist ein unfassbar brutales Buch. Es ist grausam, animalisch, wild, entfesselt und entsetzlich spannend. Der Autor, der im Alter von acht Jahren aus dem Libanon flüchtete und dort vermutlich Ähnliches erlebt hat wie sein Protagonist, lässt ausschließlich Tiere zu Wort kommen. Ob Goldfisch, Affe oder Waschbär: Sie berichten, was sie sehen und hören, und aus ihren Berichten setzt sich die ganze Geschichte zusammen. Das ist verdammt originell und verdammt gut gemacht. Denn Wajdi Mouawad denkt sich in jedes Tier dermaßen hinein, dass ich ihm jede Regung glaube. Dies ist kein hochgeistiges, verkopftes Buch. Im Gegenteil. Es ist ein Buch aus Fleisch und Knochen, es riecht nach nassem Fell, nach Erde, nach Aas. Der Blick der Tiere auf die Menschen, die genauso wie sie töten, fressen und nach ihren Instinkten handeln, macht auch die Menschen zu Tieren. Besonders in diesem Fall, weil die Menschen im Buch von Gier und Blutrausch getrieben werden. Die Schlange, die ein Kaninchen frisst und dabei die Todesangst der Beute genießt, der Mörder, der einer Frau den Bauch aufschlitzt: All das beschreibt der Autor derart eindrucksvoll, dass mir die Spucke wegbleibt. Die Sichtweise der Tiere ist sehr klar, völlig anders als die menschliche und dabei doch emotional gefärbt. Wajdi Mouawad lässt die Tiere in ihrer ganz eigenen Poesie erzählen: „Menschen verströmen häufig das Grün der Angst oder das Gelb des Kummers, manchmal auch seltenere Farben: das Safrangold des Glücks oder das Türkis der Ekstase. Aus dem müden, erschöpften Rücken des Fremden, der vom trüben Weiß des Hohlwegs verschluckt wurde, sickerte ein tiefes Schwarz, die Farbe der Schiffbrüchigen, der steuerlos auf dem Meer Treibenden, die besondere Farbe derjenigen, die ihre Erinnerungen und ihre Vergangenheit nicht hinter sich zu lassen vermögen.“

Auf der Reise des Protagonisten tun sich Abgründe auf. Darin liegen bergeweise Leichen. Er ist ein gebrochener, zerstörter Mann, der nichts zu verlieren hat, und er erkennt immer mehr, dass der Mensch das grausamste aller Wesen ist, der Feind der Tiere, der Feind von sich selbst. Ich ekle mich. Ich fürchte mich. Ich schäme mich. Ich bin sprachlos angesichts der Gewalt in diesem Buch. Dies ist ein Thriller, wie ich ihn nie zuvor gelesen habe. Klug, ekelerregend, spannend, nervenzerfetzend, elendig gut geschrieben und absolut genial. Ein Roman, der starke Nerven verlangt. Und der den Menschheitshass schürt. „Nicht alle Menschen sind Fallen, nicht alle Menschen sind Gift, und das bedeutet, dass nicht alle Menschen Menschen sind. Manche sind noch nicht innerlich verwest.“

BannerAnima von Wajdi Mouawad ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-26021-3, 448 Seiten, 16,90 Euro).

Noch mehr Futter:
– Zwei Rezensentenstimmen im Perlentaucher.
– „Ein ungewöhnlicher Roman über die Bestialität des Menschen“, heißt es in der Rezension der Frankfurter Rundschau.
– „Die Wucht dieses Buches droht einen zu erschlagen“, schreibt die Tiroler Tageszeitung.
– Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

0 Comments

    1. Mariki Author

      Das versteh ich. Ich hab bei der Lektüre gemerkt, dass ich ein totales Weichei bin, was das betrifft … ich lese ja nie Thriller oder krass spannende Sachen. Da hat mich das Buch echt sehr mitgenommen.

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