Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

{Blogtour} Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Köhler8 Geschichten über die kleinen und großen Katastrophen des Lebens
Als Kind hat Katharina immer den Indianer gespielt, während die anderen die Cowboys waren. Viele Jahre später sitzt sie dehydriert, ohne Geld und ohne Pass vor einer Tankstelle im Death Valley, als plötzlich ein echter Indianer vor ihr steht. Der nimmt sie mit und hilft ihr, braucht aber wenig später selbst Hilfe. Ihre kurze Roadstory wird zu einem verrückten Erlebnis. Ein bisschen verrückt ist auch Polar, die einfach abhaut, nur einen Zettel auf dem Tisch zurücklässt und ihrem Freund von ihrer überstürzten Reise 17 Postkarten schreibt. 27 Tage dagegen hält die junge Frau auf dem Hochstand durch, die sich dort vom Hunger umbringen lassen will, damit der Schmerz in ihr endlich aufgefressen wird. Und eine Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff findet eine ähnlich radikale Lösung, mit ihrem Kummer umzugehen.

Karen Köhlers acht Geschichten aus dem Band Wir haben Raketen geangelt sind acht Stecknadeln. Sie nimmt eine nach der anderen und sticht sie mir in die Haut. Das tut nicht sehr weh, aber doch ein bisschen. Weil auch die Figuren in den Short Stories leiden – die eine mehr, die andere weniger. Sie wurden getrennt, verlassen, haben umsonst geliebt, einander Schmerzen zugefügt oder ein Baby verloren. Ob in der deutschen Provinz, im Death Valley oder in Sibirien: Eigentlich ereignen sich hier große Dramen. Aber die deutsche Autorin, die Schauspielerin und Illustratorin ist, Astronautin werden wollte und Fallschirmspringen kann, erzählt davon so locker, unhysterisch und beiläufig, dass man den Schmerz zuerst gar nicht so bemerkt. Und sich dann wundert, was da so gepiekst hat.

Es geht um Menschen, die stark sein wollen, aber nur schwach sein können, um Trennungen, zerstörte Familien, kaputte Kindheiten und den Tod. Ich möchte die Figuren kitten und trösten, kann ihnen aber nur beim Scheitern zusehen. Karen Köhlers Darstellung einer Handvoll Zerbrochener ist überaus gelungen, sehr fein, sehr bedacht. Die Autorin, die den wunderwunderschönen Bucheinband ihres Debüts selbst illustriert und gestaltet hat, braucht nicht viele Worte, um dieses Scheitern zu beschreiben, sie ist sehr klar und direkt in ihrem Erzählstil, trotzdem aber fantasievoll, sie bedient sich origineller Formen wie Postkarten und Kurzporträts. Sie braucht auch keine Knalleffekte in ihrer Sprache, sie setzt auf Knalleffekte im Gehirn. Legt euch den Fallschirm um, Leute, steigt in die Rakete und lasst euch in diese Geschichten hineinschießen, ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen!

Blogtour
Karen Köhlers Universum ist so mitreißend, dass SchöneSeiten, Bibliophilin, Klappentexterin, Literaturen, die Bücherliebhaberin und ich uns zusammengetan haben, um mit unseren Raketen von Blog zu Blog zu fliegen und euch den eindrucksvollen Erzählband aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Dazu haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Karen Köhler wollte nämlich eigentlich ihre Geschichte Il Comandante, die im Buch leere Seiten hinterlassen hat, im Juli 2014 beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vorlesen. Dann konnte sie aber wegen einer Windpockenerkrankung nicht teilnehmen – verdammt fies. Deshalb bekommt Il Comandante bei uns einen Ehrenplatz: Nacheinander werden wir je einen Abschnitt daraus veröffentlichen – er ist der Sternenschweif, der uns verbindet. Am Ende habt ihr nicht nur die komplette Erzählung, wir landen auch auf unserem Gemeinschaftsblog We read Indie. Dort empfangen wir euch zusammen mit der Autorin, die uns ein schönes Interview geschenkt hat. Die Raketen-Blogtour ist
am Montag bei SchöneSeiten gestartet,
führte über die Bibliophilin,
Klappentexterin und
Literaturen bis zu mir und geht morgen
bei der Bücherliebhaberin weiter.
Das Interview mit Karen gibt es dann am Sonntag auf We read Indie.

 

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Il Comandante
von Karen Köhler, Auszug aus Wir haben Raketen geangelt, erschienen im Hanser Verlag (ISBN 978-3-446-24602-7, 240 Seiten, 19,90 Euro).

Freitag
Meine Lieblingsschwester bringt das Frühstück und die Medikamente.

»Wow. Steht dir!«

»Danke«, ich schüttele meinen Uma-Thurman-Kopf.

»Die OP für den Port ist Montagmorgen um acht Uhr.«

»Okay.«

»Herr Doktor Kehlmann kommt gleich zur Visite und wird das auch noch mal mitteilen. Was haben wir denn hier, Brei, Tee und einen Apfel. Wenn ich zum Abräumen wiederkomme, ist das Tablett leer, haben wir uns verstanden?«

»Jep.«

»Da hat jemand ja zur Abwechselung mal gute Laune, Halleluja! Das muss an deinem neuen Freund liegen«, sagt sie und bringt meiner Zimmernachbarin ihr Frühstück, das ebenfalls aus Brei und Tee besteht. Magenkrebs.

»Neuer Freund?«, frage ich.

»Erzählt man sich so«, sagt sie und zwinkert ihr Zwinkern.

Nachdem ich das Frühstück verputzt habe, kommt Kehlmann. Er bestaunt meine Perücke, begutachtet den Heilungsprozess der Narbe und bespricht mit mir die anstehende OP. Er sagt, so gefalle ich ihm besser, so ein Kampfgeist sei wichtig bei einer Krankheit wie Krebs. Dann ist meine Nachbarin dran. Ich mache mir Ohrenstöpsel rein, lasse die Musik in meinen Kopf und meinen Blick aus dem Fenster.

Eine Playlist später wische ich übers Telefon, gebe den Code ein, klicke Nachrichten, klicke auf Cesar und tippe Hola Comandante, would you like to go to church with me?

Es dauert ein paar Minuten, dann macht es Dingding.

Church?

Pick u up in 10 minutes.

Okay, sweetheart.

Ich ziehe den Vorhang um mich herum und wasche mich notdürftig am Waschbecken, leere den Beutel aus, spüle das Becken sauber, putze meine Zähne, rolle mir Deo unter die Arme und werfe mir meine Krankenhaustracht wieder über: T-Shirt und Sweatshirt von Tom, Leggings von mir. Frisur hält. Los geht’s.

Der Comandante sitzt mit dem Rücken zur Tür und schaut aus dem Fenster, als ich das Zimmer betrete. Irgendwas ist anders, aber ich weiß nicht, was. Kapitänsmütze sitzt. Neonsocken leuchten. Goldreifen klimpern an seinen Armen.

»Are you okay?«, frage ich.

»Yes, very much okay. Muy bien. Alles gut.«, sagt er und dreht sich um.

»Let’s go then.«

»Nice haircut.«

Ich schnappe mir den Rollstuhl, und er fragt, wohin wir gehen. »In die Kirche, hab ich doch gesagt.« Er lacht. Dass sich im Untergeschoss des Krankenhauses nicht nur das Bettenlager, sondern auch eine kleine Kirche befinden soll, hält er für ausgemachten Unsinn. Kellerkirche. Er denkt, ich verarsche ihn und lacht sich schlapp. Als wir dann aber vor dem Eingang stehen, ist er still. Und als ich ihn in die Mitte des Raumes geschoben habe, füllen sich seine Augen mit Tränen.

»Beautiful. Very beautiful. Thank you.«

Dann erkläre ich ihm das mit den Steinen und den Zetteln und er will auch unbedingt beides. Er sitzt da, hochkonzentriert, presst mit seinen Händen den von ihm ausgesuchten Stein. Dann schreibt er mit wackeliger Hand Muchas Gracias auf einen Zettel und ich lege beides für ihn in die Schale auf dem Altar, da kommt er ja nicht hin mit dem Rollstuhl. In der Schale liegen bisher einzig mein Zettel und mein Stein.

Am Ausgang schreiben wir einen Dankesgruß ins Gästebuch und blättern uns durch die Seiten. Ich übersetze ihm die Einträge. Viele bitten um Heilung. Manche haben jemanden verloren. Uns berührt die Nachricht eines Paares, deren Baby kurz nach der Geburt starb. Zum Glück hat Cesar wieder Taschentücher mit.

»Do you have children?«, frage ich ihn.

»No«, antwortet er traurig.

Der Kundenstopper verrät uns, dass heute schon wieder der Schnitzelteller im Angebot ist. Unser Tisch ist frei, wir beginnen mit der Belagerung, kennen die Karte auswendig und bestellen für mich Salat und für Cesar Fischfilet mit Pommes. Zum Nachtisch ein Banana Split und einen Espresso. Danach ab auf meine Station, wir wollen wissen, ob das Päckchen angekommen ist. Ich soll am Abend noch mal fragen. Wir beschließen einen Verdauungsschlaf und einen Spaziergang zum See am Nachmittag.

Wie die Geschichte weitergeht, erfahrt ihr morgen bei der Bücherliebhaberin!