Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Saša Stanišić: Vor dem Fest

Stanisic„Die Nacht vor dem Fest ist eine eigenartige Zeit. Früher einmal wurde sie Die Zeit der Helden genannt“
Da gibt es die Füchsin, die Fähe, die Eier stehlen will für ihre Jungen.
Da gibt es den ehemaligen Postler Dietzsche, der Rassehühner hat und wirklich gute Eier.
Da gibt es die junge Anna, die durch die Nacht joggt, zum letzten Mal, und den jungen Johannes, der Glöckner werden und seine Unschuld verlieren will.
Da gibt es die Mutter von Johannes, die das Haus der Heimat betreut und alle Geschichten und Legenden kennt, aber womöglich nicht in der Originalversion erzählt.
Da gibt es Herrn Schramm, der sich, wenn er Zigaretten geholt hat, umbringen will.
Da gibt es die alte Frau Kranz, die das Dorf in der Uckermark endlich bei Nacht malen will, leider aber nachtblind ist.
Da gibt es Berichte, jahrhundertealt, von Morden und Kindern und Räubern und Festen, da gibt es Stimmen in der Nacht, Erinnerungen, Geister.
Nur den Fährmann, den gibt es nicht mehr. Der Fährmann ist tot.

Das erste Kapitel von Vor dem Fest von Saša Stanišić gehört wohl zu den besten ersten Kapiteln, die ich je gelesen habe. Und obwohl es Nacht ist im Buch und auch bei mir, bin ich schlagartig hellwach. Saša Stanišić hat mich vor vielen Jahren mit seinem Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert über die Maßen begeistert. Für sein aktuelles Buch hat er den Preis der Leipziger Buchmesse abgestaubt und steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Also habe ich vor meiner Abneigung gegen Zweitbücher die Augen verschlossen und es gelesen. Und sehr genossen. Der Autor, der aus Bosnien-Herzegowina stammt und seit 1992 in Deutschland lebt, erzählt in Vor dem Fest in vielen Stimmen. Das Flüstern derer, die es nicht mehr gibt, ist ebenso zu hören wie die Jugendlichen, die es ein bisschen langweilig haben in dem idyllischen Dorf in der Uckermark. Morgen soll das Fest stattfinden, das Annenfest, das traditionelle, wenn die Nacht erst vorüber ist, diese Nacht, um die sich das ganze Buch dreht. In vielen, teilweise sehr kurzen Kapiteln berichtet Saša Stanišić von Geistern, die umgehen, von einem geplanten Selbstmord, von Vorbereitungen und Abschieden, Einsamkeit, Depression und der Frage, wie wahrscheinlich es war, dass alle meine Vorfahren überlebt haben, mütterlicherseits und väterlicherseits, sodass ich geboren werden konnte. Und wer bleibt, um zu erzählen von allem, was geschehen ist? „Einer. Einer schreibt. Einer hat es immer geschafft.“

Vor dem Fest ist ein facettenreiches Buch, das aus vielen Figuren, Perspektiven und Berichten besteht – alle nur lose zusammengehalten von der geografischen Gemeinsamkeit. Sinn und Zweck hat die Geschichte keinen erkennbaren, sie wabert ruhelos die ganze Nacht von einem zum anderen, verweilt kurz bei den verschiedenen Gestalten, sie ist fantasievoll und fantastisch, lässt zu, dass Vergangenheit und Gegenwart sich übereinanderlegen in mehreren Schichten, die nicht voneinander zu trennen sind. Das ist verwirrend, das ist komplex, das ist gut. Ich bin mal drinnen in der Geschichte, mal draußen, finde sie stellenweise schön und originell, dann wieder zu vage, zu grotesk. Aber ich interessiere mich auf jeder einzelnen Seite für den Roman, bis zum Schluss, für jede der ebenso banalen wie tragischen Figuren, für die Mythen, die ihre Fängen ausstrecken bis in die Gegenwart und zeigen, dass wir nur sind, wie wir sind, weil alle vor uns so waren, wie sie waren. Wir umtanzen uns, das Buch und ich, haben Erwartungen aneinander, die auch erfüllt werden, nur nicht zur Gänze. Am Ende sind wir beide erschöpft, aber zufrieden, und der Roman darf bleiben, bekommt einen Platz in meinem winzigen Regal – und das sagt eigentlich schon alles.

BannerVor dem Fest von Saša Stanišić ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87243-8, 320 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Vor dem Fest ist ein Roman über die letzten nicht globalisierten Deutschen“, heißt es in dieser Rezension auf zeit.de.
– „Dieser Roman ist nicht nur inhaltlich ein Fest, sondern auch sprachlich, ein Genuss, ein modernes Märchen über Herkunft und Vergangenheit, über Geschichte und ihre Präsenz in der Gegenwart“, schreibt Sophie von Literaturen.
– „Eine furiose Tragikomödie“ nennt spiegel.de diesen Roman.
– „Vom ersten Satz an hatte ich als Leser das Gefühl, ein Teil dieses Dorfes, mit seinen schrulligen Bewohnern zu sein“, schwärmt Mara von Buzzaldrins Bücher.
– Und hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

12 Comments

  1. Ich finde es wunderbar, dass ich dank deiner Besprechung noch einmal eingetaucht bin in dieses Buch, das doch völlig zurecht noch einmal auf der Liste des Deutschen Buchpreises steht. Es ist einfach großartig! :-)

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  2. Allen Liebhaber(inne)n dieses Buches eine zusätzliche Empfehlung: bitte seine Lesereisetermine verfolgen und wenn möglich, ihn in einer Veranstaltung vorlesen hören; im Literaturhaus in Frankfurt habe ich ihn zweimal erlebt und wir waren alle hingerissen von seiner Stimme und seiner Art, seinen Texten Gehör zu verschaffen.
    Ich freue mich auf jedes weitere Buch von ihm.

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