Für Gourmets: 5 Sterne

Sarah Stricker: Fünf Kopeken

StrickerVon einer, die alles konnte – außer zu lieben
„Als die Liebe dann endlich doch zuschlug, und diesmal richtig, mit voller Kraft, dabei so gut getarnt, dass sie mit bloßem Verstand nicht zu sehen war, traf sie meine Mutter völlig unvorbereitet. Das ist wie mit den Windpocken. Wenn man die nicht beizeiten hinter sich bringt, geht man fast daran ein.“ Und in Sachen Liebe hat die Mutter rein gar nichts hinter sich gebracht: Sie ist unfassbar hässlich. Alles andere, so heißt es, hätte ihr Vater auch nie erlaubt. Der ist Kriegsveteran und Kaufmann, zieht nach dem Krieg einen erfolgreichen Modeladen hoch und steckt all seine Energie in die kluge, talentierte Wundertochter. Und Energie hat er viel, er sitzt nie still: „Er ging nicht, er rannte. Er fuhr nicht, er raste. Er überlegte nicht, er wusste. Vor allem: es besser.“ Dieser Urgewalt hat die Mutter der Erzählerin nichts entgegenzusetzen, sie lässt sich biegen und formen, schlurft durch eine einsame Kindheit, schleppt sich durch eine fürchterliche Pubertät und stabilisiert sich als junge Erwachsene halbwegs: Sie studiert Medizin, arbeitet in des Vaters Bekleidungsgeschäft und zieht mit dem zukünftigen Vater der Erzählerin zusammen, der sie trotz ihrer Hässlichkeit und ihrer unterkühlten Art liebt. Ziemlich einengend liebt. Und ziemlich einseitig liebt. Dann begegnet die Mutter einem dunkelhaarigen Fremden, lässt sich von ihm in einem Häuschen auf dem Spielplatz vögeln – und verfällt ihm komplett. Sie verliebt sich so sehr, dass sie ihr ganzes Leben, alles, was sie zu wissen glaubt, vergisst. „So viel Sorgfalt mein Großvater auch darauf verwendet hatte, meine Mutter auf Begabungen abzuklopfen, ihr größtes Talent war ihm entgangen: das Lügen.“ Viele Jahre später, als sie im Sterben liegt, erzählt die Mutter der Tochter, was damals geschah.

Sarah Stricker gilt, wie ihre Protagonistin, selbst ein bisschen als Wunderkind: Die deutsche Autorin, die in Tel Aviv lebt, ist 1980 geboren und schrieb unter anderen für die SZ, die FAZ und Neon. Für dieses Debüt ist sie bereits mit einem Auszug preisgekrönt und mit vielen lobenden Worten bedacht worden. Ich kann nur sagen: völlig zu Recht. „Nie war Hässlichkeit schöner, Liebe nie gemeiner und Sprache selten so ein Fest wie in Sarah Strickers fulminantem Debütroman“, sagt der Klappentext, und ich stimme absolut zu. Die Geschichte ist originell, sehr bissig, überaus amüsant und vor allem ausgezeichnet erzählt. In klugen, klaren und oft vor Ironie triefenden Sätzen lässt Sarah Stricker eine namenlose Erzählerin das Leben ihrer Mutter abbilden: Eine Tochter berichtet, aber die Gefühle und Erlebnisse sind ausschließlich jene der Mutter. Das ist in meinen Augen ein genialer Schachzug, weil er dem Buch einen schrägen Dreh gibt, wirkt stellenweise aber auch befremdlich – vor allem bei den Sexszenen. Wenn „meine Mutter“ gestoßen wird und stöhnt und seufzt, bin ich doch ein wenig abgeschreckt. Die Ich-Erzählerin selbst geht im Roman völlig unter, was ich schade finde, weil ich sie gern kennengelernt hätte.

Trotzdem habe ich mich in dieses Buch verknallt. Weil es mich genau da erwischt hat, wo ich anfällig bin: im Kopf. Ich stehe auf Sarah Strickers Sarkasmus, schwelge in der bitteren Boshaftigkeit, die sich von den Kriegserlebnissen des Großvaters über die Kundinnen und Verkäuferinnen im Modegeschäft bis hin zu den diversen Liebesszenen zieht und alles einfärbt. Herrlich ist, wie sich die Mutter in einen unattraktiven, uninteressanten Mann mit gelben Zähnen verliebt und sich abstrampelt für ein Fünkchen seiner Aufmerksamkeit. Selten habe ich mich mit einem Buch derart amüsiert. Es ist rasant geschrieben, optimal konstruiert und immer angenehm zu lesen. Ein witziger, intelligenter Roman, der mich perfekt unterhalten hat. Lesen, lesen, unbedingt!

BannerFünf Kopeken von Sarah Stricker ist erschienen im Eichborn Verlag (ISBN 9783847905356, 512 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Fünf Kopeken ist ein herrlich vielschichtiger Roman, der seine Figuren trotz ihrer gelegentlichen Überzeichnung ernst genug nimmt, um sie authentisch wirken zu lassen“, schreibt Sophie von Literaturen.
– „Der Ton, der hier angeschlagen wird, heiter, bissig, ironisch, wird, was die Geschichte der Familie Schneider und ihrer größeren und kleineren Tragödien angeht, mit leichter Hand durchgehalten“, heißt es in der Rezension der FAZ.
– In einem Kriegstagebuch berichtet Sarah Stricker aus ihrem Leben in Tel Aviv.
– Hier könnt ihr ihren Roman bei ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. Es ist schön, dass Du uns dieses Buch noch einmal in Erinnerung rufst – in Erinnernung insofern, als dass ja schon im Frühjahr einige Blogger es gelesen, vorgestellt und gelobt haben. So war mir die Autorin ein Begriff, als ich ihr Tagebuch aus Tel Aviv in der SZ gefunden habe. Das lese ich nun sehr beeindruckt von den so ganz lebendigen Eindrücken von Krieg und Bedrohung, die sie dort vermittelt.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Mariki Author

      Stimmt, ich bin ein bisschen später dran… Aber das Buch ist ja zum Glück immer noch hervorragend! Das Kriegstagebuch lese ich mit Schrecken und irgendwie mit dem Gedanken, dass ich von dort sofort fliehen würde.

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  2. Konstantin

    Ganz wunderbar, um auf den Kommentar von Claudia einzugehen, nicht nur über brandaktuelle Neuerscheinungen zu lesen und so noch hier und da eine Entdeckung zu machen. Wie dich auch, treffen mich die besten Geschichten immer im Kopf – dieses scheint so eines zu sein, ich werde es mit Sicherheit lesen. Das hast du erreicht. Vielen Dank dafür (hoffentlich) :-) Liebe Grüße, Konstantin

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      1. Konstantin

        Naja, hinsichtlich der Tatsache das es schon einige Bücher gibt, die dann quasi überall zur selben Zeit besprochen werden … ich bin mindestens ebenso gespannt. LG

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