Gut und sättigend: 3 Sterne

Verena Roßbacher: Schwätzen und schlachten

Roßbacher„Aber kann man die Sterne löschen, wenn sie einem die Zukunft weisen? Nein. Man kann sie nur weiträumig umfliegen“
David Stanjic ist aus Österreich geflohen, ist ja nicht zum Aushalten dort, und verirrt sich seither regelmäßig in Berlin. Frederik von Sydow hätte wirklich, wirklich gern eine Frau und nicht nur eine Oma mit einem beliebten Café. Simon Glaser macht Filme, die kein Mensch versteht. Und zusammen machen sie Hausmusik. Es wird geträllert und geschwurbelt, geredet und schwadroniert, im Kreis gedacht und theoretisiert. Eine Frau kommt auch ins Spiel, und schließlich gibt’s auch einen Toten – nur eignen sich die drei verschrobenen Gestalten leider so gar nicht als Detektive. Das bedauert auch die Erzählerin, die Teil der Ereignisse ist und nur mit Mühe den Überblick behält – während ihr Lektor ihr dauernd ins Handwerk pfuscht, mit motivierenden Anmerkungen wie: „Du musst das übrigens nicht dermaßen ausführlich erzählen, das ist nicht interessant.“

Tut sie aber. Verena Roßbachers Roman Schwätzen und schlachten ist das ausführlichste, detailgetreuste, abschweifendste und geschwätzigste Buch, das ich je gelesen habe. Es wird geredet, sehr, sehr, sehr viel geredet, eine Flut an Worten stürzt auf mich zu, begräbt mich unter „weitschweifigen Erklärungen, umsichtigen Erörterungen, langwierigen Reden“. Das Kuriose daran? Es könnte auch das langweiligste Buch sein, ist es aber nicht. Ich finde es amüsant. Bis zu einem gewissen Grad zumindest, denn ich brauche mehrere Verschnaufpausen und muss gestehen, dass ich mich ab und zu aus einem ewig dahinfließenden Monolog aus- und später im Buch wieder eingeklinkt habe. Unterhaltsam ist diese endlose Fabuliererei auch deshalb, weil die Autorin sich auf einer Metaebene – im Gespräch mit ihrem Lektor Olaf – genau darüber lustig macht: dass das Buch zu dick ist, dass sie nicht knackig formulieren kann, dass sie mehr üben soll. Verena Roßbacher, die mit ihrem Debüt Verlangen nach Drachen Erfolge feierte, wehrt sich mit den Argumenten, dass alles nun einmal so geschehen sei und sie auch nichts dafür könne, wenn die drei Männer so viel redeten.

Schwätzen und schlachten ist ein wahnsinniges Buch, es ist überladen, anstrengend, verrückt, kurios, äußerst elegant geschrieben und dermaßen ungewöhnlich, dass ich – man hat es an der Inhaltsangabe oben gemerkt – nicht einmal erzählen könnte, worum es darin eigentlich geht. Weil ich tatsächlich nicht die geringste Ahnung habe. Dabei hab ich den Roman gelesen. Aber er ist ein Puzzle, ein einziges Ablenkungsmanöver, ein Wortschwall, gleichzeitig ernst und geheimnisvoll: „Worte sind harmlos, dachten sie, dabei kann alles Gedachte, Gesagt, getan werden, es kann jedes Wort so ungeheuer fleischlich werden und gefährlich.“
Wer Schwätzen und schlachten lesen soll? Wer viel Zeit und Geduld hat – es lohnt sich!

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Schwätzen und schlachten von Verena Roßbacher ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04615-1, 640 Seiten, 24,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– Sehr angetan vom Roman ist der Rezensent auf zeit.de, aber auch er kann den Inhalt nicht nacherzählen.
– Hier könnt ihr Verena Roßbacher beim Vorlesen zuhören.
– Ein Porträt der Autorin gibt es auf welt.de zu lesen.
Dieses Interview hat Verena Roßbacher in einem Berliner Café absolviert, das auch im Buch vorkommt.
– Hier könnt ihr den Roman bei ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. Da dachte ich Walter Moers hätte die Latte mit seinen mythenmetzschen Abschweifungen schon hoch gesetzt. Hier hören sich die Umwege, wenn auch erschöpfend, so zumindest erheiternd an. Die Lektorengespräche mit einzufügen finde ich jetzt schon brilliant!

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  2. Ich war kürzlich auf einer Lesung von Verena Roßbacher (bei Zwischenmiete – Junge Literatur liest in Stuttgarter WGs, ein Blogartikel folgt noch) und empfand das Buch da schon in den Auszügen als zu schwatzhaft. Dieses Gespräch zwischen Erzählerin und Lektor hingegen fand ich witzreich, das war für mich das Interessanteste an dem Text. Aber allein deswegen würde ich den ganzen Roman doch nicht lesen wollen.

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    1. Mariki Author

      Das kann ich mir gut vorstellen und auch gut verstehen. Mir war das mit der Schwatzhaftigkeit vorher nicht klar. Aber ich habe immerhin bis zum Ende durchgehalten!

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