Gut und sättigend: 3 Sterne

Martin Becker: Der Rest der Nacht

Becker„Ich hätte so ein Leben haben können. Ich hätte so viele Leben haben können“
„Steinalt fühle ich mich, schleppe ich mich durch die Tage, der Müllberg in meinem Zimmer wächst und wächst, es war niemals die Rede davon, so lange zu bleiben: Ich wollte unser Haus loswerden und den Fall Hedwig abschließen, um diese ganze Stadt danach abzustreifen wie eine alte Haut.“ Ein junger Mann ist zurückgekehrt in seine Heimatstadt und hat zwei Vorhaben: das Haus seiner Eltern zu verkaufen und eine alte Frau umzubringen. Dann will er so schnell wie möglich verschwinden. Der Tod des Vaters macht ihm zu schaffen, schlafen kann er jede Nacht nur wenige Stunden – außer, es liegt jemand neben ihm. Nichts läuft wie gedacht, der Hausverkauf zieht sich, die alte Dame besucht er in allen möglichen Verkleidungen, um sie auszuspionieren, schreitet aber nicht zur Tat – und dann verliebt er sich ganz plötzlich: „Mein Hemd ist weiß wie der erste Schnee auf dem Land. Jetzt bin ich nicht der besorgte Nachbar, nicht der Postbote, nicht der Feuerwehrmann, jetzt bin ich nicht derjenige, der eine alte Frau töten will, um die Vergangenheit loszuwerden. Jetzt bin ich nur der Mann, der in eine Frau verliebt ist.“ Und vielleicht gäbe es die Chance auf einen Neuanfang, auf ein anderes Leben.

Der deutsche Schriftsteller Martin Becker, der 1982 geboren ist, arbeitet als freier Autor und Literaturkritiker beim Rundfunk, nach einem Erzählband ist Der Rest der Nacht seine erster Roman. Skurril ist dieser Roman, sehr skurril, wie ein Traum, in dem nichts Sinn zu ergeben scheint, sobald man wach ist – aber alles möglich ist, während man noch schläft. Stellenweise gelingt es Martin Becker sehr gut, mich einzulullen, mich zu umschnüren mit seinen verqueren, wohlproportionierten, sehr geraden Sätzen: „Wenn ich nach solchen Nächten in mein Zimmer zurückkomme, dann schüttelt es mich. Ich zittere und friere, reiße mir die Kleider vom Leib und krieche ins Bett. Der Hals kratzt, die Nase läuft und das Fieber kommt. Wie ein Stein in den Brunnen stürze ich dann in den viel zu kurzen Schlaf, und ohne zu träumen schlafe ich durch bis zum Aufprall.“ Das finde ich sehr direkt, poetisch und schön.

Inhaltlich aber habe ich meine Schwierigkeiten mit diesem Buch, weil es mir zu wirr ist. All die Verkleidungen und Masken, all die rätselhaften Hinweise auf die Vergangenheit, die ich nicht deuten kann, machen mir zu schaffen, weil ich schon anfangs weiß, dass ich diesen Roman nicht verstehen werde, dass der Autor mit aller Macht verhindern wird, dass ich das große Ganze begreife. Sein Protagonist ist so schlüpfrig wie eine Kaulquappe, nicht greifbar, er steckt in der Krise, sucht eine Identität und einen Ausweg. Und ich bin so ratlos wie er. Eine Sogwirkung hat die Geschichte durchaus, vor allem wegen der ausgezeichneten Prosa. Aber als ich aus dem Traum aufwache, frage ich mich, was zur Hölle das denn für ein Trip war.

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Der Rest der Nacht von Martin Becker ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87360-2, 208 Seiten, 19,99 Euro).

Was ihr tun könnt:
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Einen Beitrag des mdr über Martin Becker anhören.
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