Für Gourmets: 5 Sterne

Bonnie Nadzam: Mr. Lamb

Nadzam„Du siehst aus wie ein wildes Stück Erde, das die Gestalt eines Mädchens angenommen hat“
Tommie ist elf, hat riesengroße Sommersprossen, eine teilnahmslose Mutter und Freundinnen, die sie als Mutprobe zu einem älteren Mann schicken, um eine Zigarette zu schnorren. Dieser Mann, David Lamb, will Tommies Freundinnen eine Lektion erteilen, indem er so tut, als würde er das Mädchen entführen. Denen ist das jedoch reichlich egal, und Tommie wird klar, dass sie überhaupt nie Freundinnen waren. Fortan trifft sie sich mit Lamb, schwänzt die Schule, fährt mit ihm herum und lässt sich zum Essen einladen. Eine eigentümliche Beziehung entsteht, die man fast Freundschaft nennen möchte – wären da nicht die 40 Jahre Altersunterschied und Lambs unklare Motive. Sein Vater ist gestorben, seine Frau hat ihn verlassen, seiner Geliebten Linnie lügt er vor, er sei noch verheiratet – was will er von Tommie? „Und wer kann es ihm vorwerfen, wenn er sich danach vollständig – mit Schultern, Gesicht, Händen, Hüften – dem Mädchen zuwandte? Das Mädchen brachte ihn wieder in Kontakt mit sich selbst und mit der wirklichen Welt, die David Lamb, wenn er ehrlich war, noch nicht aufzugeben bereit war.“ Deshalb macht er ernst und nimmt Tommie tatsächlich mit – auf eine weite Reise zu einer Hütte in den Bergen. Es geschieht nicht gegen Tommies Willen. Allerdings weiß die Kleine wohl gar nicht, was sie will, weil Lamb sie derart geschickt manipuliert, dass sie alles tut, was er möchte. Wie Wachs ist dieses unreife, ungeliebte Kind in Lambs Händen, das nach Aufmerksamkeit hungert und mit jugendlicher Unbedarftheit sehr schnell Zuneigung entwickelt. Sie kann nur hoffen, dass Lamb das nicht weiter ausnutzt …

Auf der Liste der schlimmsten, erschreckendsten und erschütterndsten Bücher, die ich je gelesen habe, stehen bisher We need to talk about Kevin von Lionel Shriver und Die Glasfresser von Giorgio Vasta. Nun gesellt sich Mr. Lamb von Bonnie Nadzam dazu. Ich ertappe mich während der Lektüre mehrfach bei Gedanken wie Ohgottohgottohgottwiekrankistdasdenn. Abscheu, Ekel und Gänsehaut schütteln mich. Die amerikanische Autorin erzählt in ihrem Debüt eine Geschichte, die so abwegig nicht ist – und sich trotzdem von vorn bis hinten anhört wie der Alptraum jeder Mutter einer Tochter. Die Sprache ist seltsam distanziert, und mit Formulierungen wie „Nehmen wir einmal an, …“ oder „Sagen wir, das und das ist passiert …“ nimmt die Erzählstimme ganz bewusst Abstand von den Ereignissen. So erfahre ich nicht, wie Tommie sich fühlt, was sie denkt, und auf die verqueren Motive von Lamb bzw. die Arten, wie er sich seine Handlungen schönredet, bekomme ich nur Hinweise: „Seine Gedanken schwankten hin und her, zwischen Mitleid für das Mädchen und dem Wunsch, sie zu zerdrücken, zu zermalmen, zu ihrem eigenen Guten. Denn er wusste genau, wie ihr Leben aussehen würde, wenn er sie wieder nach Hause brachte, und es war ein trostloses und schreckliches Geheimnis, das er und die ganze Welt vor ihr verborgen hielten, und dass er es vor ihr verborgen hielt, war das Schlimmste überhaupt, weil sein Auftauchen in ihrem Leben – diese plötzlich entstandene und ungewöhnliche Freundschaft – möglicherweise der einzige Lichtblick war, die einzige Abweichung von einem ansonsten vorbestimmten Lebensweg.“ Je mehr Lamb sich selbst und mir einredet, er tue Tommie etwas Gutes, umso heftiger wird mein Wunsch, ihm in die Eier zu treten.

Sprachlich ist Mr. Lamb hervorragend, Bonnie Nadzam entwickelt einen eigenartigen, interessanten Singsang in ihren Dialogen, der Tommie und mich einlullt, durchbrochen von halbpoetischen Landschaftsbeschreibungen. Lamb plant sein Vorgehen akribisch und spinnt ein Netz aus Lügen, in das er Tommie so fest einwickelt, dass sie sich sicher fühlt wie in einem Kokon. Dies ist ein Roman, der mir Angst macht und mich aufwühlt, mich abstößt und vor Mitgefühl zerfließen lässt. Ein Wahnsinn von einem Buch, messerscharf, klinisch kühl, gruselig, menschlich, irgendwie pervers. Lamb nennt Tommie sein Schweinchen, das eigentliche Schwein ist aber er: Er nimmt sich ein Kind und spielt damit zu seinem Zeitvertreib wie mit einer Puppe, die er danach achtlos an den Straßenrand wirft. Mr. Lamb, das auch mit einem richtig coolen Cover daherkommt, ist ein erstaunliches Debüt, ein mutiges, brutales, grausiges Buch, das man nicht gern liest, aber vielleicht gelesen haben muss. Und das ich garantiert niemals mehr vergessen werde.

0 Comments

  1. N. G. L.

    Hi, ohne diesen tipp wäre ich wohl nicht auf dieses buch gestoßen. habe eine vorliebe für das abgründige. es zeigt das abwegige und dennoch realistische. – auf der suche nach dem, was der mensch ist.

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    1. Mariki Author

      Also, wenn du den Mut aufbringst, dann lies es unbedingt! Es ist wirklich gut. Es ist ein Buch, bei dem man was spürt und das einem nicht gleichgültig bleibt.

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      1. ich habe noch ein paar seiten zu lesen, dann bin ich durch. mir hat es im gegensatz zu dir gar nicht gefallen. ich fand die dialoge zwischen mr lamb und dem mädchen monoton, unglaubwürdig in ihrer steten wiederholung … es ist ein geschicktes spiel mit den erwartungen des lesers, der das schlimmste befürchten muss, aber nazdam bleibt doch immer eine stufe darunter. trotzdem hat es mich nicht überzeugt…

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      2. Mariki Author

        Hmmmm… Das mit der Monotonie kann ich nachvollziehen, ich hab’s als Singsang bezeichnet. Ich fand das allerdings schon gut gemacht, dieses Manipulative, Merkwürdige, Verdrehte. Schade, dass es dir nicht gefallen hat! Du bist vielleicht zu abgebrüht 😉

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  2. Ich hab das Buch – seit einer Empfehlung in einem britischen Frauenmagazin – auf dem Kindle-SuB. Seitdem schleiche ich darum herum und kann mich nicht so ganz entschließen es zu lesen.
    Ich werde es aber lesen. Denn manchmal muss man sich als Leser einfach etwas herausfordern – und wird dann hoffentlich durch ein gut geschriebenes Buch entlohnt 😉

    LG, Katarina :)

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  3. Hi mariki,
    habe es mittlerweile gelesen. Leider fand ich es nicht so gut. Das Thema ist kontrovers, aber einen Zugang habe ich leider nicht gefunden. Vielleicht irgendwann noch einmal auf Deutsch.
    Gruß und schönen Sonntag

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  4. „Und das ich garantiert niemals mehr vergessen werde.“ Du sagst es! Obwohl ich es auch schon Anfang des Jahres gelesen habe, denke ich immer noch an den verstörenden „Mr Lamb“. Aber sollte man es wirklich in Weihnachtspapier einwickeln und seinen Lieben ein ebenso unvergessliches Leseabenteuer bescheren?! Bin unschlüssig…

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  5. Lumpy

    Aufgrund Empfehlungen von Freunden habe ich mir das Buch durchgelesen. Das meiste spielt sich im Kopf des Lesers ab, je nachdem, welcher Sichtweise der Aktionen des David Lamb, die man entweder als gut oder böse interpretieren kann, den Vorzug gibt.
    Ganz logisch sind die Handlungen der Beteiligten nicht, zumindest wird meiner Meinung nach viel zu wenig hinterfragt, jede Aktion von David und seine Erklärungen werden einfach so hingenommen.
    Eine Sache ist für mich jedoch ungeklärt, als sie die Hütte ereichen.
    Was hat es mit den Nachthemd auf sich, wie kommt das braune Päckchen mit dem Nachthemd und ihrem Namen drauf auf das Stockbett?
    Wann hat er es dort hingelegt, wieso steht ihr Name drauf?
    Habe ich etwas wichtiges überlesen?
    Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar.

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