Für Gourmets: 5 Sterne

Lisa-Maria Seydlitz: Sommertöchter

Seydlitz„Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, dass sich etwas mit hoher Geschwindigkeit auf mich zubewegt“
Juno hatte eine Kindheit, die ein bisschen gut und dann ziemlich schlecht war. Der Vater kämpfte gegen eine schwere Depression, und als er diesen Kampf verlor, ließ er Juno und ihre Mutter allein zurück. Während die Mutter dank neuem Mann und neuem Kind nicht allein blieb, fühlt Juno sich auch später noch ziemlich verloren in der Welt. Als sie einen Brief bekommt, dem ein Polaroid-Bild von einem Haus am Meer beiliegt, reist sie spontan nach Frankreich, um herauszufinden, was es mit diesem Haus auf sich hat. Es gehörte dem Vater, und einmal, so erinnert Juno sich, war sie als Kind sogar dort, nur für Minuten jedoch, bevor die Familie sich im einzigen gemeinsamen Urlaub, den es je gab, in einem komfortableren Hotel einmietet. Juno findet das Haus bewohnt vor, die junge Julie hat sich dort eingerichtet, und Jan, ein Architekt aus Deutschland, geht ebenfalls ein und aus. Was weiß Julie über Junos Vater? Und wer ist sie überhaupt? Die Reise in die Bretagne wird für Juno zur Reise in das ungekannte Leben ihres Vaters – und in ihre eigene Vergangenheit.

Es gibt viele, sehr viele Bücher, deren Geschichte geht so: Ein junger Mann/eine junge Frau erbt überraschend ein Haus, das dem Vater/der Mutter gehörte. Irgendwo in der Familie liegt ein altes Geheimnis begraben, und die junge Frau/der junge Mann reist – immer mit einer ordentlichen Portion Melancholie im Gepäck – in das Haus, um dieses Geheimnis zu ergründen. Dort rollt sich dann, meist mithilfe diverser Nebenfiguren, die ganze Kindheit auf, und die Puzzlestücke fügen sich zur Zufriedenheit aller zusammen. Dieses Schema ist nicht neu und absolut nicht originell, aber da ein Buch nicht nur aus der Handlung allein besteht, hat die junge deutsche Autorin Lisa-Marie Seydlitz noch einen Trumpf in der Hand, den sie zu nutzen weiß: die Sprache. Sie kann schreiben, sehr gut sogar. Ihre melodisch-poetische Erzählweise füllt das bekannte 08/15-Schema mit Worten, Sätzen und Metaphern, die alles andere als 08/15 sind. Und das macht dieses Buch so schön.

Es ist viel, sehr viel geschrieben worden über Sommertöchter – und, soweit mir bekannt, nur Gutes. Zu Recht. Lisa-Marie Seydlitz beschwört eine Kindheit herauf, die verdunkelt wurde von einem Schatten, dem Schatten des Vaters bzw. seiner Krankheit. Als Erwachsene muss Juno lernen, dass man solche Schatten nicht abschütteln kann, sondern Frieden mit ihnen schließen muss. Das gelingt ihr in einem langen, seltsam ereignislosen Sommer, in dem sie sich hineinziehen lässt in die Geschichte ihres Vaters, in die Geschichte seines Hauses und in die Geschichte von Jan und Julie. Juno ist wie Treibholz, das angespült wird an der französischen Küste – und dort seine Wurzeln entdeckt. Sommertöchter ist ein kluger, sanfter, trauriger und zugleich sehr hoffnungsfroher Roman über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden, wenn man nie ein Kind sein durfte.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr stilvolles, gelungenes Cover.
… fürs Hirn: die Frage, was für Menschen unsere Eltern eigentlich wirklich sind oder waren.
… fürs Herz: viele Facetten der Liebe, manche sichtbar, andere nicht.
… fürs Gedächtnis: das beachtliche Talent dieser Autorin.

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