Netter Versuch: 2 Sterne

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Vigan„Und die Worte waren, als wären sie Flüssigkeiten, verdampft“
Mathilde ist eine taffe Frau. Seit dem Tod ihres Mannes sorgt sie allein für ihre drei Söhne und arbeitet Vollzeit in einer großen Pariser Firma in einer verantwortungsvollen Position. Doch nachdem sie ihren Chef Jacques offen kritisiert, verändert ihre Arbeitssituation sich schleichend zum Negativen: Mathilde wird ausgeschlossen, ausgebootet und gemobbt. Über Wochen und Monate hinweg gelingt es Jacques, seine ehemals wichtigste und engste Mitarbeiterin aufs Abstellgleis zu schieben – und zwar auf so geschickte Weise, dass diese sich gar nicht dagegen wehren kann. Was Mathildes Leben zuvor einen Sinn gab, wird ihr zum Gräuel: Ihr Arbeitsplatz wird ihr ganz persönlicher Alptraum, wo sie den ganzen Tag verbringen muss, ohne etwas zu tun zu haben. Sie ist der Verzweiflung nahe, denn als alleinerziehende Mutter braucht sie das Geld, das der Job bringt. Eher halbherzig wendet sie sich an eine Wahrsagerin, die ihr eine Veränderung für den 20. Mai verkündet. Es fragt sich nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird …

Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin von Delphine de Vigan ist ein überaus deprimierendes Buch. Es ist düster und schwarz und traurig und frei von jeder Hoffnung. Einerseits finde ich es gut, dass die französische Autorin in ihrem zweiten Roman ein wichtiges und präsentes Thema in den Fokus stellt und eine Geschichte rund um Mobbing am Arbeitsplatz strickt. Andererseits ist mir das Wühlen im Schlamm von Mathildes Traurigkeit fast zu viel, wenigstens ein winziger Lichtschimmer hier und da wäre schön gewesen. Denn die zweite Figur im Buch, der mobile Arzt Thibault, lebt ebenso ein Schattendasein wie Mathilde. Beide bewegen sich im riesigen Maul von Paris, das jeden verschluckt, ohne ihm irgendeine Bedeutung zuzumessen, sie verbringen Stunden in der U-Bahn und im Auto, einsame, stille Stunden, sie sind allein und verzweifelt und mutlos. Mathilde steckt richtig in der Scheiße, sie ist einem berechnenden und auf Rache sinnenden Chef ausgeliefert, dem sie nichts entgegenzusetzen hat, weil sie keine Kraft aufbringt.

Mit dem erzählerischen Kniff, dass laut Wahrsagerin am 20. Mai etwas Besonderes passieren soll, richtet Delphine de Vigan alle Aufmerksamkeit auf diesen einen Tag und baut eine sehr große Erwartungshaltung auf. Sie will, dass ich glaube, dass etwas Bestimmtes geschieht – und ohne zu spoilern, was soll das wohl sein, wenn wir einen Mann und eine Frau haben, beide allein, und eine angeblich alles verändernde Begegnung – und je mehr sie das will, desto weniger glaube ich ihr. Denn ich habe das Gefühl, dass sie nicht ausbrechen wird können aus der Glasglocke der Melancholie, die sie über ihr Buch gelegt hat. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin ist kein schlechte Buch, oh nein. Es ist ein Tränensee, ein Kloß im Hals, ein schwarzer Fleck auf einer weißen Bluse. Der einzig positive Aspekt, den man diesem Roman vielleicht abgewinnen könnte: dass man immer darauf achten muss, glücklich zu sein, damit es nie so weit kommt, dass man vergisst, wie das geht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
schönes Kleid, schöner Hintern.
… fürs Hirn: Mobbing am Arbeitsplatz.
… fürs Herz: Traurigkeit und Ausweglosigkeit.
… fürs Gedächtnis: das Gefühl, dass Tränen aus dem Buch tropfen könnten, wenn man es schräg hält.

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