Gut und sättigend: 3 Sterne

Andrew Sean Greer: The story of a marriage

Greer„I do not know what joins the parts of an atom, but it seems what binds one human to another is pain“
Im Jahr 1953 ist die dunkelhäutige Pearlie eine brave Ehefrau und Mutter. Der Sohn leidet an Polio, der Gatte – so denkt sie – an einer Herzkrankheit, derentwegen sie ihn schonen muss. Der Krieg hat tiefe Spuren in den Menschen hinterlassen, und es wird nicht viel über Probleme oder Gefühle gesprochen. Als eines Tages der gutaussehende Buzz vor Pearlies Haus in San Francisco steht, beginnt eine turbulente Zeit: „I struggled, seeing myself as others passing on the boardwalk saw me: a colored woman, poorly dressed, eagerly talking with a handsome white man. No one would have known, from how he held my hand, that this man plannend to take my husband from me.” Buzz hat nur ein Ziel, das er mit viel Charme und viel Geld erreichen will: Er will Pearlies Mann Holland für sich. Und Pearlie, die ihren Mann schon als Jugendliche liebte und all die Kriegsjahre auf ihn wartete, kämpft mit sich. Was, wenn sie dem Glück der beiden im Weg steht? Darf sie Holland dazu zwingen, bei ihr zu bleiben? Kann er sie überhaupt lieben, wenn er offenbar homosexuell ist?

Andrew Sean Greer ist mir mit seiner wunderbaren Geschichte des Max Tivoli, inspiriert von F. Scott Fitzgeralds Benjamin Button, bekannt. Und als ich diesen Roman von ihm für wenige Euro ergattern konnte, habe ich zugegriffen. Der Autor entwirft darin die Geschichte einer Ehe und platziert sie im Nachkriegsamerika, gibt ihr den biederen Anstrich der 1950er-Jahre, stellt aber hinter die Fassade die Frage nach der sexuellen Orientierung des Ehemannes. An sich nichts Neues, dass eine Frau entdeckt, dass der Mann sich (auch) zu Männern hingezogen fühlt, immerhin aber in diesem Fall gut erzählt. Andrew Sean Greer lässt Ich-Erzählerin Pearlie über all ihre Gefühle, Zweifel und Sorgen berichten, er weckt Mitgefühl und Verständnis. Sie liebt ihren Mann Holland, und sie schämt sich, sie kann nicht mit ihm sprechen, weil ihre Erziehung und die Regeln der damaligen Zeit es ihr unmöglich machen. Sie setzt sich nicht über das hinweg, was ihr in den Weg gelegt wird, aber sie ist auch nicht gewillt, alles einfach hinzunehmen. Erst viele, viele Jahre später kommt traurigerweise zur Sprache, was längst hätte gesagt werden sollen.

The story of a marriage ist in meinen Augen kein besonderes, aber ein durchaus lesenswertes Buch. Es bietet kein inhaltliches Highlight, ist jedoch flüssig erzählt, mit einer sympathischen und nachvollziehbaren Stimme. Andrew Sean Greers Porträt einer afroamerikanischen Frau in den Nachkriegsjahren lässt keine neuen Erkenntnisse zu, aber das muss es ja auch nicht, der gesellschaftspolitische Hintergrund ist an sich interessant genug. Die Formulierungen sind elegant, die Beobachtungen klug. Und die Prise „Skandal“ tut ihr Übriges, um ein gewisses Prickeln hervorzurufen und dem Roman Spannung zu verleihen. Muss man nicht lesen, kann man aber.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
kein unbedingt faszinierendes Cover.
… fürs Hirn: die Frage nach unserer Verantwortlichkeit für das Glück der anderen. Und natürlich die Frage, ob wir die, die wir lieben, auch kennen.
… fürs Herz: die Liebe ist hier der Dreh- und Angelpunkt.
… fürs Gedächtnis: ein Lieblingszitat: „What is it like for men? Even now I can’t tell you. To have to hold up the world and never show the strain. To pretend at every moment: pretend to be strong, and wise, and good, and faithful. But nobody is strong or wise or good or faithful, not really. It turns out everyone is faking as best they can.“

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