Für Gourmets: 5 Sterne

Doris Knecht: Besser

Knecht„Und eine größere Sensation als der erste Kuss existiert nun einmal nicht auf der Welt, danach geht es nur noch abwärts“
„Jetzt noch fünf Minuten für mich. Fünf Minuten unter der Bettdecke. Fünf Minuten Autonomie, bevor ich wieder nur Frau und Mutter bin, Mutter und Frau. Fünf Minuten, bevor ein Rudel hipper junger Eltern bei uns einmarschiert, mit denen ich hippe Jung-Eltern-Gespräche führen werde, als wäre ich genauso wie sie. Sie denken, ich sei genauso. Aber das bin ich nicht. Ich bin jemand, der sich jetzt gern irgendwo verkriechen und sündigen Gedanken nachhängen würde.“ Vor allem den Gedanken an ihren Liebhaber: Antonia Pollak hat nämlich eine Affäre, von der ihr Mann Adam und die begüterten Freunde nichts ahnen. Genauso wenig wissen sie über Antonias Vergangenheit Bescheid, die alles andere als glanzvoll ist und mit der lieblosen Mutter und den kriminellen Aktivitäten so gar nicht zu dem sauberen, bürgerlichen Leben passt, das sie heute führt. Antonia versteckt sich in der Sicherheit der Normalität, im Versorgungsalltag mit zwei kleinen Kindern, sie versteckt sich vor den alten Erinnerungen, vor ihrer eigenen Zügellosigkeit und der Gefahr. Als sie jemanden trifft, den sie von früher kennt, hat sie Angst, dass alles auffliegen könnte und ihre Geheimnisse ans Licht kommen. Das muss sie unbedingt verhindern, ohne dabei der Anziehungskraft des Unmoralischen erneut zu erliegen …

Was für ein herrlich böses Buch! Ich habe mehr als einmal laut gelacht. Doris Knecht ist mit Besser ein unvergleichlich fieser, sarkastischer Roman gelungen über die schöne Scheinwelt der bessergestellten Jungfamilie: Hinter der Fassade aus Bugaboo-Kinderwagen, veganen Würstchen und Ausflügen in den Märchenpark wird belogen und betrogen, aus Berechnung geheiratet und sich ins beringte Fäustchen gelacht. Die Ich-Erzählerin Antonia ist unglaublich ehrlich und spricht Gedanken aus, die niemand jemals äußern würde: wie es ist, eine gepflegte Affäre zu führen, ganz undramatisch und professionell, dass einem andere junge Eltern entsetzlich auf die Nerven gehen können und dass man als Mutter manchmal fast durchdreht. „Ich habe immer verstanden, warum es vorkommt, dass Eltern ihre schreienden Säuglinge zu Gemüse schütteln. Ich glaube, alle Eltern verstehen es, sie reden nur nicht darüber. Kinder graben etwas aus einem heraus, von dem man nicht wusste, dass es da ist, dass man es hat, aber fast alle, auch wenn sie die superentspannten Mich-bringt-nichts-aus-der-Ruhe-Eltern geben, haben es in sich: die Wut, den einen Schlag, der für Ruhe sorgen wird. Alle haben sie es, mehr oder weniger vergraben.“ Die Wahrheiten, die Antonia so direkt auf den Punkt bringt, sind selbst nicht überraschend – aber die Art und Weise, wie sie so nackt auf den gedeckten Familientisch gepackt werden, ist es. Und überaus amüsant ist sie auch.

Die österreichische Autorin Doris Knecht nutzt ihre Sprache mit großem Können. Bosheit und Verzweiflung, Gleichgültigkeit und die Sehnsucht nach Liebe – sie porträtiert die widersprüchlichsten Gefühle so hervorragend, dass ich sie alle nachempfinden kann. Sprache ist eine Waffe, genau wie Humor, und in der perfekten Kombination zünden sie eine Granate nach der anderen: Selten gibt mir ein Roman die Möglichkeit, mich moralisch so gehen zu lassen und all meine Gehässigkeit heimlich auszuleben, schadenfroh zu sein und innerlich zu nicken, weil es eben genauso ist: Keine Frau kann immer lieb und brav und schön und nett sein, nein, wir sind hinterhältig und perfide und klug, aber meistens nur im Geheimen, sodass es keiner merkt. „Das Schicksal hat mich mit Geheimnissen reich beschenkt, ich weiß gar nicht mehr wohin damit, ich finde in mir schon keine Schrankfächer mehr, in denen ich noch mehr Geheimnisse verstauen und verstecken könnte. Vielleicht sollte ich mal das eine oder andere Geheimnis ausräumen, wegschmeißen, entsorgen. Vielleicht sollte ich endlich auf neue Geheimnisse verzichten, aber offenbar ist auch das eine Sucht, von der ich nicht loskomme.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
nunja, in der Covergestaltung wäre da noch Luft nach oben gewesen.
… fürs Hirn: ganz wunderbar böser Humor! Eine Persiflage auf das Heile-Welt-Leben der Jungfamilien.
… fürs Herz: eher die dunkle Seite der Gefühle.
… fürs Gedächtnis: die Passage über den ersten Kuss, die sehr wahr und schlau und schön ist.

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    wenn du mich jetzt sehen könntest! Ich grinse, klatsche, tanze, juble, klatsche und grinse. Wirklich schön, dass dir dieses Buch genauso viel Vergnügen bereitet hat wie mir!

    Tanzend, singend, jubelnd,
    deine lächelnde Klappentexterin

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