Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Carol Birch: Der Atem der Welt

Birch„Was wäre das für ein Junge, der seiner Mutter nicht das Herz bricht?“
London im Jahr 1857 stinkt. Der kleine Jaffy Brown lebt mit seiner Mutter mitten in der Kloake, und seine Zukunftsaussichten sind nicht gerade spektakulär. Als er eines Tages einem entlaufenen Tiger auf der Straße begegnet und in seinem Maul landet, ohne verletzt zu werden, ist Jaffy wie elektrisiert: Er hat Lust auf das ganz große Abenteuer bekommen. Fortan arbeitet er für Mr. Jamrach, den Besitzer des Tigers, der mit Tieren aus aller Welt handelt, und lernt dort den frechen Tim kennen, der sein bester Freund wird. Von Tims Zwillingsschwester Ishbel ist Jaffy über die Jahre hinweg fasziniert, aber seine Sehnsucht nach der Ferne ist noch größer – er will zur See fahren. Und als er sich gemeinsam mit Tim auf einem Walfänger einschifft, um in Mr. Jamrachs Auftrag ein geheimnisvolles Ungeheuer zu finden und zu fangen, beginnt endlich das Abenteuer, auf das er die ganze Zeit gewartet hat.

Der Atem der Welt von Carol Birch ist ein fabelhafter, farbenprächtiger, stimmungsvoller Roman, der im 19. Jahrhundert spielt und die Essenz dieser Zeit in eine wilde Symphonie verwandelt. Dieses Buch ist wie ein Rausch. Gleich zu Beginn legt der achtjährige Jaffy, ein aufgeweckter, gewitzter, sympathischer Held, seine dreckige kleine Hand in meine und zieht mich hinein in seine Stadt: Üble Gerüche schlagen mir entgegen, es wimmelt von Abertausenden Menschen und Tieren, Diebe und Bettler machen sich zu schaffen, ein Leben ist nicht viel wert. Unser gemeinsames Abenteuer beginnt, als Jaffy einem Tiger die Hand auf die Schnauze legt – und die englische Autorin Carol Birch nimmt dies als Auftakt für eine waghalsige, übermütige Geschichte. Die Welt war damals noch nicht bis in alle Winkel erforscht, die Menschen glaubten an Ammenmärchen, und eine Reise endete nicht selten tödlich.

Als Jaffy und Tim das Schiff betreten, bin ich voller Hoffnung wie sie, ich will die Weite schmecken, mich fürchten, Unbekanntes sehen – und diese Hoffnung wird anfangs auch erfüllt. Doch nach einer sehr vorhersehbaren Wendung flaut meine Begeisterung ein wenig ab, denn was auf und mit dem Schiff und danach geschieht, erscheint mir wenig originell, sondern eher recht klischeehaft. Generell aber hat Carol Birch mich mit ihrer Freude am Erzählen, mit ihrer übersprudelnden Energie und ihrer detailgenauen Recherche mitgerissen und mir spannende Lesestunden beschert. Großartig!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein wundervolles Cover!
… fürs Hirn: ein grandioses Abenteuer.
… fürs Herz: eine kleine zarte erste Liebe.
… fürs Gedächtnis: wie überragend stets die Macht der Fantasie ist.

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