Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf

Agus„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“
„Johnson junior meint, wenn man Kinder in die Welt setzt, darf man nicht einmal im Traum daran denken, verrückt zu werden oder sich umzubringen.“ Daran haben sich die Eltern der jungen Ich-Erzählerin leider nicht gehalten, ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter ist verrückt geworden. Die Literaturstudentin, die bei ihrer Tante aufwuchs, ist inzwischen halbwegs darüber hinweg und genießt das Leben in einer Wohnung in einem alten Palazzo in Cagliari. Und zwar vor allem das Leben der anderen. Denn das ist viel interessanter. Der Signore von oben, Mr. Johnson aus Amerika, wurde von seiner reichen Frau verlassen, weshalb die Studentin es organisiert, dass die Signora von unten, Anna, ihm den Haushalt macht – und sie will die beiden natürlich nicht nur arbeitstechnisch verkuppeln. Annas Tochter Natascha, die absurd eifersüchtig ist, macht sich Sorgen um die herzkranke Mutter, die bisher von Männern nur ausgebeutet wurde. Dann tauchen Mr. Johnsons Sohn – der der Studentin gefallen würde, sich aber leider zum falschen Geschlecht hingezogen fühlt – und Enkel auf, ein altkluger kleiner Junge, den alle lieben. So könnte alles gut werden in dem alten Palazzo in Cagliari – käme nicht plötzlich Mr. Johnsons Frau zurück, um ihren alten Platz einzunehmen und damit das neue Glück zu zerstören …

Ich mag Milena Agus. Sehr. Sie gehört zu den wenigen bis sehr wenigen Autoren, von denen ich alle bisher erschienenen Bücher gelesen habe. Ich bin ein großer Fan ihres klaren, verschmitzten und schnörkellosen Stils. Ihre Geschichten sind wie Seifenblasen, banal eigentlich, aber gleichzeitig schillernd und faszinierend. Immer gibt sich die Autorin ein wenig hinterlistig und springt nicht gerade zimperlich mit ihren Figuren um – auch wenn sie diese stets liebevoll zeichnet. Ein wenig angeschlagen sind sie, die Charaktere, sie haben einen Knacks in der Seele und einen Sprung in der Schüssel. Auch im neuesten Roman Die Welt auf dem Kopf würfelt Milena Agus ein paar Menschen zusammen, steckt sie in ein Haus, streut eine Prise Liebe durch den Kamin und wartet ab, was geschieht. Nämlich – wie immer in ihren Büchern – eigentlich nichts, aber irgendwie doch viel. Es wird verkuppelt und sich verliebt, Herzen werden gebrochen und Liebhaber herbeigesehnt. Das alles geschieht in einem abgeschotteten Mikrokosmos, Beziehungen zur Außenwelt sind nicht von Bedeutung. Da ich in diesem Fall ausnahmsweise vergleichen kann, muss ich sagen, dass das neue Buch nicht an meinen Liebling Die Frau im Mond heranreicht, aber dennoch mehr als lesenswert ist. Es hat jenen einzigartigen Zauber, der allen Werken von Milena Agus eigen ist und dem ich verfallen bin. Es ist eine große Kunst, das Kleine zu erzählen, jene Winzigkeiten, die den Alltag ausmachen, zu einer fabelhaften, spannenden, melancholischen Geschichte zu verweben. Und diese Kunst beherrscht Milena Agus hervorragend.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
sehr schön.
… fürs Hirn: Leichtigkeit und melancholische Schwere zugleich.
… fürs Herz: alles, alles!
… fürs Gedächtnis: auch den nächsten Roman von Milena Agus lesen!

Die Welt auf dem Kopf von Milena Agus ist erschienen im dtv (ISBN 978-3423280136, 200 Seiten, 18,90 Euro).

0 Comments

  1. Ich mag Milena Agus auch sehr, sehr! Deshalb war es besonders schön durch deine feine Rezension zu tanzen. Du hast mein Leseerlebnis exakt reflektiert, wie ein Blick in den Spiegel. Dankeschön, liebe Mariki!

    Ganz liebe Grüße,
    Klappentexterin

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