Gut und sättigend: 3 Sterne

Petra Hůlová: Dreizimmerwohnung aus Plastik

HulovaFicken, ficken, ficken für Geld
Die Dreizimmerwohnung ist eigentlich eine „Plastikfickstube“. Hierher kommen die Reibeisenbesitzer, um ihre Schwänze in das käufliche Reinstecksel zu stecken. Die Reinsteckselbesitzerin erfüllt für Geld alle Wünsche, lässt sich schlagen und bumsen, bläst und streichelt, bestellt ein zweites Extrareinstecksel, denn sie weiß über ihre Kunden: „Sie kommen in die Plastikfickstube, um sich ein bisschen Menschlichkeit abzuholen, und nicht, um sich irgendeinen Digifilm reinzuziehen, den sie anklicken und der ihnen vorgesetzt wird wie ein kalter Fisch dem Polarforscherhund.“ Abseits der kleinen Wohnung gibt es für die Reinsteckselbesitzerin nicht viel im Leben, und sie hat reichlich Muße, sich Gedanken zu machen über Männer, Frauen, Körperhygiene, das ganze Gedöns um den Sex und über das Leben im Allgemeinen: „Das Leben ist ja bekanntlich in kleine Teile aufgestückelt, genau wie eine Orange oder Torte. Der einzige Unterschied ist, dass das keine leckeren Dreiecke sind, sondern häufig ziemlich ungenießbare Jahre.“ Über ihre Kunden und deren zuweilen abartige Vorlieben kann sie nach jahrelanger Erfahrung allerhand sagen: „Meine Kunden haben ein gewisses Niewoh, und fürs Niewohvolle zahlen sie auch, und darum sind sogar die Grindigsten, mit denen ich mich treff, noch immer Kirschen auf der Torte von diesem Pack von Nuttenstechern“, und: „Wenn die nicht gewalttätig sind oder selbst Gewalt brauchen, leiden sie meistens an einer Störung des Urteilsvermögens in Bezug auf das Alter von der Reinsteckselbesitzerin – oder vielmehr vom niedlichen Fötzchenkindchen, weil die Muschiläppchen bei der Altersgruppe, auf die die ganz Speziellen abfahren, so arg wenig behaart sind wie ein frisch geschlüpftes Küken.“ Nun ja, schön ist es nicht, das Leben als Hure. Aber, so meint die Reinsteckselbesitzerin, es könnte schlimmer sein.

Petra Hůlová, die als eine der wichtigsten tschechischen Schriftstellerinnen ihrer Generation gilt, entwirft in diesem Buch eine Dreizimmerwohnung, in der über die Maßen viel gevögelt wird. Und bei der Beschreibung der schlafzimmerinternen Vorgänge ist sie äußerst explizit: Da werden saftige Fötzchen von willigen Zünglein geschleckt, Reibeisen stellen sich neugierig auf, wenn sie einen Schlag ins Gesicht hören, es gibt wolllüstige Wonnen, Gebläse und am Ende Finger, die Geldscheine zählen. Dieser Roman ist der Monolog einer Prostituierten, die sich Gedanken macht über ihren Job und die Männer, die sie für Sex bezahlen, über ihre Nachbarn und den Unterhaltungswert ihres Lebens als Fernsehserie. Ich mag es, dass Petra Hůlová ihre Ich-Erzählerin so direkt und unverblümt sprechen lässt, auch wenn die blumig-fantasievollen Metaphern und Euphemismen für tabuisierte Körperregionen und sexuelle Praktiken zuweilen ein wenig kindisch sind. Die Reinsteckselbesitzerin hat eine eigentümliche, verdrehte Art, sich auszudrücken, die diesen langen Monolog sprachlich originell macht. Freilich ist es aber auch anstrengend, einen ganzen Roman lang der lamentierenden Stimme einer Frau zuzuhören, die alles und jeden verurteilt, wie die Gesellschaft es mit ihr tut. An Direktheit, Witz und überraschenden Einsichten vermisse ich nichts, wohl aber an Handlung, denn davon gibt es – abgesehen von einem Dreier als Höhepunkt – keine. Vielmehr hat Petra Hůlová die provokanten Meinungen einer Prostituierten in eine Form gebracht, die manchen Leser schockieren mag, und ich genieße es wie ein Voyeur, zuzusehen, wie ein Tabu nach dem anderen mit lautem Knacken gebrochen wird. Zarte Gemüter macht dieses Buch nicht glücklich, alle anderen bekommen endlich mal zähe Knochen zwischen die Zähne.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
cooles Cover, der Vogel ist allerdings ein wenig schwach im Vergleich zum krassen Inhalt.
… fürs Hirn: wie wär das so, als Nutte in einer Plastikfickstube ohne Perspektiven?
… fürs Herz: nichts, hier geht es um Sex.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Die Digiwelt foltert mich, als wär ich nicht schnell genug; und dabei bin ich noch ganz jung und nackt und brauche Wärme und Streicheleinheiten, damit ich aufblühe wie eine Blume, die doch jede Frau ist, und heute sind auch Männer Blumen, die man pflegen muss.“

Dreizimmerwohnung aus Plastik von Petra Hůlová ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04522-2, 192 Seiten, 17,99 Euro).

0 Comments

  1. Krass. Aber auf reizvolle Weise krass. Das mit der Handlung ist aber ein schlagendes Argument, ich habe auch grad erst ein Buch rezensiert, das dasselbe Problem hat – Iris Hanikas Das Eigentliche (inhaltlich geht es allerdings in eine komplett andere Richtung): furios, verstörend, ja, aber ebenfalls eine etwas zu flache Geschichte.

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    1. Mariki Author

      Jetzt hast du mich überrascht, Caterina, ich dachte, dass die vielen Tabuwörter euch vom Lesen dieser Rezension abhalten werden und niemand sie kommentieren wird 😉 Es ist wirklich ziemlich krass und man möchte sich danach das Hirn mit Seife auswaschen 😀 Von Iris Hanika hab ich mal „Treffen sich zwei“ gelesen, wenn ich mich nicht irre, das war glaub ich ganz gut.

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  2. Sex sells… – und das schon immer. In naher Literatur-Vergangenheit Charlotte Roche, „Fucking Berlin“, „SoG“ (Aufzählung kann unendlich fortgeführt werden). Aus Prinzip fasse ich solche Bücher, scheinbar ähnlich wie Hůlovás nicht mehr an, die nur auf das Eine abzielen. Nicht unbedingt nur auf Sex, sondern auf Aufschreie in den meist konservativen Gesellschaften (Sexismus-Debatte hierzulande).

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    1. Mariki Author

      Das versteh ich. Ich hab Roche gar nicht gelesen. Hier hatte ich aber nicht das Gefühl, dass nur Aufsehen erregt werden soll – es ist eher so etwas wie eine Studie, ein Monolog, eine Gedankensammlung, der Versuch des Sich-Hineinfühlens.

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  3. Bei einem Buch wie diesem, kommt es mehr als anderswo darauf an, was sich die Autorin dabei gedacht hat. Denn, wie mein Vorredner schon erwähnte, Schockprosa a la Roche ist mir ein graus. Ein sozial kritisches Buch, das im Zuge dieser Kritik auch etwas aneckt, kann jedoch zu einer wahren Freude werden.

    Was meinst Du dazu, ging es der Autorin um mehr als nur die Schamesröte des Lesers?

    LG, Katarina :)

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    1. Mariki Author

      Gute Frage, schwer zu sagen. Etwas Kritisches ist natürlich stets spürbar, viele Klischees und Urteile schwingen mit. Aber das Buch hat auch etwas Verspieltes. Andererseits schien es mir manchmal so, als wolle die Ich-Erzählerin sich einfach auskotzen darüber, wie unlustig es ist, seinen Körper zu verkaufen. Vielleicht ist es am Ende das, was bleibt – der Monolog einer Nutte ganz ohne Illusionen.

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