Gut und sättigend: 3 Sterne

J. R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei

Moehringer„Man ist nur lebendig, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man verliebt ist. Deshalb wirken fast alle wie tot“
„In seiner Glanzzeit war Sutton das Gesicht des amerikanischen Verbrechens, einer von wenigen, die den Sprung vom Staatsfeind zum Volkshelden schafften.“ Und dies ist seine Geschichte. Die Geschichte von Willie, dem Sohn irischer Einwanderer, einem Mick, den die älteren Brüder bei jeder Gelegenheit verprügeln und der in seinen Jugendjahren dem Hungertod stets näher ist als dem Reichtum, den er später erbeutet. 1919 lernt er Bess kennen, und diese Begegnung verändert alles: „Du musst nur auf dein Leben zurückblicken und nachsehen, ob es einen Augenblick gibt, an dem alles anders wurde.“ Die Liebe und die prekäre Wirtschaftslage machen aus dem unschuldigen Willie einen Dieb. Gefrustet und verzweifelt darüber, dass sie keine Arbeit finden, werden Willie und seine Freunde Eddie und Happy zu Verbrechern. Sie stellen sich nicht klug an, und so beginnt Willies Karriere als Gefängnisinsasse. Ebenso erfolgreich ist er allerdings beim Ausbrechen, und während die Wirtschaft von einer Krise zur nächsten taumelt, wird aus dem kleinen Willie ein umjubelter und gejagter Bankräuber. Sein Mythos ist immer noch lebendig, als er nach seiner letzten Gefängnisstrafe als alter Mann freikommt – und mit einem Reporter sowie einem Fotografen durch ganz New York fährt zu den Stationen seines bewegten Lebens.

Knapp am Herz vorbei ist der neue Roman des New Yorker Autors J. R. Moehringer, der mit Tender Bar auf sich aufmerksam machte. Er nahm die wahre Geschichte des Bankräubers Willie Sutton als Vorlage für diesen facettenreichen und abenteuerlichen Roman. Alle Figuren – den hübschen Happy, den frustrierten Eddie, die kühle Bess, den Safeknacker Doc, die vielen Verräter – hat es wirklich gegeben, genauso wie den Reporter und den Fotografen, die laut J. R. Moehringer einen leider nur oberflächlichen Artikel zuwege gebracht haben. Wenig Aufschluss geben auch die zwei von Willie Sutton verfassten Autobiografien, da sie sich widersprechen. Der Weg für J. R. Moehringer, anhand der belegten Tatsachen eine wilde, herzergreifende, lebendige Geschichte zu stricken, war somit frei.

„Die Entfremdung von Mutter und Vater, der Missbrauch durch die Geschwister, die harte Arbeit in den frühen Jahren, dein Leben, das von einer Reihe der schlimmsten wirtschaftlichen Erschütterungen in der Geschichte begleitet war – das alles hat ein ungewöhnlich gefährliches und starkes Hexenbräu geschaffen.“ Inhaltlich packt Willies Geschichte mich nach einer Weile sehr, und er schleift mich quer durch New York, atemlos hetzen wir von einem Raubzug zum nächsten, wir lassen uns Anzüge schneidern und genießen das Leben in den kurzen Intervallen, in denen es möglich ist. Wir sitzen in Isolationshaft, schwimmen in Scheiße und lesen jedes Buch, das uns in die Finger kommt. Und immer, immer vermissen wir Bess, die ich allerdings im Verdacht habe, dass es ihr nicht so geht. Das einzige Manko des Buchs liegt in meinen Augen darin, dass J. R. Moehringers Sprache mir für die rasante Geschichte zu stumpf und flach ist. Die klischeehaften Ausdrücke aus dem Gaunerjargon, durchsetzt mit Umgangssprachlichkeiten, passen zum Thema, lassen mich aber mehr als einmal mit den Augen rollen. „Dann bist du im Arsch, Kleiner“, ist so ein Beispiel dafür, dass das Netz, das der Autor nach mir auswirft, viel zu grobmaschig ist. Ich vermisse Poesie und Melodie, fühle mich immer wieder aus der Geschichte gedrängt – vor allem durch die stupiden Aussagen von Knipser und Schreiber, die beide durch die Abwesenheit von Intelligenz glänzen. Schade ist zudem, dass J. R. Moehringer einiges, das interessant gewesen wäre – wie Suttons Ehe und sein Kind – unter den Tisch hat fallen lassen.

Dennoch ist Knapp am Herz vorbei ein liebenswertes, lesenswertes Buch über einen Helden, der für viele Menschen all das verkörperte, was sie sich wünschten: Verwegenheit, Mut, Reichtum, Respektlosigkeit vor dem Gesetz. Willie Sutton hat einen hohen Preis für seine Beutezüge bezahlt: seine Freiheit. Der einzige Vorteil der Gefängnisaufenthalte war, dass sie ihm Gelegenheit zum Lesen gaben, und hier treffen wir uns wieder, hier sind wir uns einig: „Es ist nie Zeitverschwendung. Jedes Buch ist besser als kein Buch. Langsam und sicher führt dich eines zum nächsten, und irgendwann bist du bei den besten. Ein Buch ist die einzige wirkliche Flucht aus dieser gefallenen Welt.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
von der Gestaltung her gefällt mir das Cover, die Auswahl des Fotos erschließt sich mir nicht.
… fürs Hirn: Wirtschaftskrise, Weltkrieg, New York in den 1930er- und 1940er-Jahren, Verrat, Betrug, Diebstahl, Gefängnis – dieses Buch vereint all das zu einer atemberaubenden, spannenden Story.
… fürs Herz: nun ja, die unerfüllte Liebe zur schwer greifbaren Bess natürlich.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Ein Safe ist wie eine Frau. Sie sagt dir, wie du sie öffnen kannst, du musst nur gut zuhören.“

Knapp am Herz vorbei von J. R. Moehringer ist erschienen im S. Fischer Verlag (ISBN 978-3-10-049603-4, 448 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    was bin ich froh, dass „Knapp am Herz vorbei“ für dich am Ende trotz alledem ein liebenswertes und lesenswertes Buch war. Deine Kritik an der Sprache kann ich jedoch gar nicht nachvollziehen. Sie störte mich in keiner Minute, aber vielleicht liegt es auch daran, dass mich die Geschichte und die Atmosphäre so gefangen genommen haben, dass ich dieses Manko übersehen habe. Außerdem hat sich Willie Sutton in mein Herz geschlichen. Da sieht man die Welt ja bekanntlich gern durch eine rosarote Brille. :) Es war mir eine große Freude, mit deinen – wie immer wundervoll – beschriebenen Eindrücken nochmals durch diesen großartigen Roman zu fahren. Dafür ein herzliches Dankeschön!

    Ganz liebe Grüße,

    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Hm, dann liegt es vielleicht daran, dass ich farblose Kontaktlinsen habe? 😉 Übrig bleibt aber das rasante Leseabenteuer, das uns Willie ermöglicht hat – und das war wirklich spektakulär.

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