Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne

ReichlinDer Kampf ums Überleben in den Bergen Afghanistans
„Seit vielen Jahren gehörte zu Martens‘ Leben die Vorstellung, einer Frau zu begegnen, mit der alles wie von selbst geschah.“ Deshalb lässt sich der alternde Auslandsjournalist, der keine Aufträge mehr, dafür aber einen Bauchansatz hat, völlig um den Finger wickeln von der jungen Miriam, die er auf dem Amt kennenlernt. Sie lädt ihn ein und erzählt ihm die Geschichte einer Bacha Posh, eines als Junge verkleideten Mädchens in Afghanistan, das sich den Taliban angeschlossen hat und bereit ist, sich für 10.000 Dollar interviewen zu lassen. Nur zu gern lässt Martens sich von Miriam überreden, nach Afghanistan zu fliegen, er bekommt das Geld von einer Zeitung, er hinterfragt wenig, er ist ausgehungert nach einem Abenteuer. Seine Tochter ist längst erwachsen und ihm entglitten, seine Frau hat er wegen seiner vielen Abwesenheiten verloren, seine Freundin ist ihm gleichgültig. In Afghanistan angekommen, entlarvt Martens rasch eine nach der anderen von Miriams Lügen. Sie, deren Vater aus diesem Land stammt, war nie zuvor hier, und hat, obwohl sie sich als Fotografin ausgegeben hat, nicht einmal eine Kamera dabei. Martens ist allerdings nicht aufgebracht oder beunruhigt, sondern neugierig auf das, was ihn erwartet – selbst wenn sein Leben in Gefahr sein sollte. Und das ist es sehr bald tatsächlich …

Mit Das Leuchten in der Ferne hat der deutsche Autor Linus Reichlin einen spannenden und facettenreichen Abenteuerroman geschrieben, der in der gefährlichen Kulisse von Afghanistans Bergen spielt, die von Talibanbanden beherrscht werden. Sein Held Moritz Martens, einst als Reporter in aller Welt unterwegs, steht auf dem Abstellgleis, hat kein Geld und langweilt sich, er giert nach dem verrückten Wagnis, das sich ihm mit Miriam bietet. Die Gefahr lässt nicht lange auf sich warten, und Martens stürzt sich Kopf voran hinein. Er kennt sich aus mit den Begebenheiten des fremden Landes, und Miriam spricht die Sprache, sodass das Duo sehr wohl an sein Ziel kommt – wo Martens jedoch nicht das erwartet, womit er gerechnet hat. Irgendwann unterwegs oder gleich zu Beginn hat er sich freilich in Miriam verliebt, und das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, sondern lässt ihn größere Opfer bringen als unter anderen Umständen.

Martens‘ Unerschütterlichkeit ist mir zeitweise fast schon unheimlich, und ich bin erleichtert, als sie dank vieler Strapazen endlich bröckelt. Ich wandere mit ihm durch die karge Bergwelt Afghanistans, trinke süßen Tee und leide Hunger, muss wie er bei der Steinigung einer Frau zusehen, die Luft ist anders hier, die Menschen sind es, ihre Mentalität und Kultur. Er weiß, was die Taliban wollen, ich nicht, und so warte ich gespannt auf die Aufklärung, die Lösung, das Aufatmen. Linus Reichlin hält mich mit dieser atmosphärisch dichten Erzählung genauso gefangen wie seinen Protagonisten, der zusehends an Fett und Zuversicht verliert. Für Martens wie für mich lohnt sich diese Reise, denn beide erleben wir das Abenteuer, das wir uns erhofft haben. Ich verschlinge das Buch wie er seine heiß ersehnten Mahlzeiten. Dieser Roman ist gut durchdacht, ebenso gut recherchiert und vor allem auch gut geschrieben. Definitiv ein Lesehighlight!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein passendes, aber eher eintöniges Cover.
… fürs Hirn: eine spannende Geschichte voll Unterhaltungswert mit hochaktuellem politischem Hintergrund.
… fürs Herz: eine Liebesgeschichte darf in einem guten Abenteuerroman natürlich nicht fehlen.
… fürs Gedächtnis: das Wissen, dass es richtig scheiße ist, als Frau in Afghanistan zu leben.

Das Leuchten in der Ferne von Linus Reichlin ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3-86971-053-2, 320 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. Das Buch hatte ich mir auch notiert, allerdings fallen die Meinungen dazu sehr gemischt aus, vor allem diese hat mir zu denken gegeben. Umso erstaunter bin ich, dass gerade du, die doch eine so kritische Leserin bist, nun so angetan ist von diesem Roman. Mal schauen, ob er mir irgendwann zufällig in die Hände fällt…

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    1. Mariki Author

      Oh, diese schlechte Rezension kannte ich gar nicht. Nun ja, man findet sicher in vielen Abenteuerromanen einiges, das unglaubwürdig ist – aber ich hab mich in diesem Fall gut unterhalten gefühlt. Mir kam Martens nicht dumm vor, sondern vom Leben gelangweilt, sodass er sich in vollem Bewusstsein um die Lügen von Miriam und um die Gefahr, in die er sich begibt, auf das Abenteuer einlässt. Deshalb war das in meinen Augen okay, dass er sich verarschen hat lassen.

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  2. Ich habe mir Linus Reichlins neuen Roman eigentlich auch bestellen wollen. Dann las ich die Rezension beim Deutschlandfunk und habe mein Vorhaben ad acta gelegt und nun empfiehlst du diesen Roman hier.

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    1. Mariki Author

      Diese negative Rezension hatte ja offenbar recht großen Einfluss! Es ist natürlich schwierig, zu sagen, ob dir das Buch gefallen würde … so subjektiv, wie das immer ist. Deutschlandfunk hat ja schon einiges gespoilert, wie ich gesehen habe – da stellt sich dann natürlich auch die Frage, ob ihr dementsprechend negativ eingestellt seid und der Roman gar keine Chance mehr hat, bei mir ist das oft so. Vielleicht solltest du es mal mit einer Leseprobe versuchen oder das Buch in der Buchhandlung in die Hand nehmen und reinlesen? Womöglich kann es dich ja doch noch überzeugen.

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