Für Gourmets: 5 Sterne

Jennifer DuBois: Das Leben ist groß

DuBois„Wir alle sind sterblich, ja, aber vielleicht sind einige von uns sterblicher als andere“
Irina Ellison ist Anfang 30, und das bedeutet, dass sie nicht mehr lang normal leben kann: Sie leidet an Chorea Huntington. 20 Jahre lang hat sie ihrem Vater dabei zugesehen, wie er würdelos an dieser Krankheit starb, und seit sie aufgrund eines Gentests weiß, dass sie mit etwa 32 Jahren die ersten Symptome zeigen wird, lebt sie ihr Leben so, dass es am wenigsten wehtut: Sie lebt es gar nicht. Irina verhält sich still, vermeidet enge Bindungen und hüllt sich in eine abweisende Eisschicht. Als sie Jonathan kennenlernt, spürt sie gleich, dass sie der Liebe dieses Mal nicht ausweichen kann: „Irgendwie, merkte ich, würde sich zwischen diesem Mann und mir nie eine akzeptable Distanz finden lassen; jeder Grad der Nähe und Entfernung würde gleichermaßen unerträglich sein.“ Deshalb muss Irina fort, muss einen Ort finden, an dem niemand sie liebt und mit ihr leidet. Sie findet einen Brief ihres Vaters an das russische Schachgenie Alexander Besetow, Weltmeister in den frühen 1980er-Jahren, und hat nun ein Ziel: Russland. Aus dem hageren, hungernden Schachspieler von einst ist inzwischen ein politisch engagierter Präsidentschaftskandidat geworden, der nicht den Hauch einer Chance hat, gegen Putin zu gewinnen, der aber dennoch antritt, um aufmerksam zu machen auf die Missstände in Russland. Es gelingt Irina, in Kontakt zu treten mit diesem Mann, der in ständiger Gefahr schwebt, und der vielleicht als Einziger die Traurigkeit der jungen Frau verstehen kann, die auf das erste verräterische Zucken ihres Körpers wartet, das ihr zeigen wird, dass es Zeit ist, ihr Leben zu beenden.

Die 30-jährige amerikanische Autorin Jennifer DuBois erzählt in ihrem Debüt die Geschichte zweier Leben, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben, sich aber dennoch an einem weit entfernten Ort kreuzen, in einem Moment, in dem genau das nötig ist. Mit ungemeiner sprachlicher Brillanz und technischer Raffinesse porträtiert sie einen Mann und eine Frau, die nichts gemeinsam haben außer der Tatsache, dass sie ihr Leben nicht so führen möchten, wie sie es tun, und zeitgleich nicht wollen, dass es endet. Schon nach den ersten Seiten lasse ich mich in diesem Buch nieder wie auf einem gemütlichen Sofa mit dem angenehmen Gefühl, dass es mir an nichts fehlen wird, und ich genieße es, hineingezogen zu werden in diese geschickt angelegte Geschichte, in diesen echten Schmöker, der so sanft ist und klug. Abwechselnd lässt Jennifer DuBois Ich-Erzählerin Irina aus der Gegenwart und Alexander aus der Vergangenheit berichten, bis beide Erzählstränge im Jahr 2006 aufeinandertreffen und nur die beiden Perspektiven bleiben. Es ist ihr meisterhaft gelungen, sich einzufühlen in diese zwei unterschiedlichen Charaktere, die Feinheiten der Figuren auszuarbeiten und ihnen Leben einzuhauchen.

Ich lasse mich von Alexander in die Schachwelt mitnehmen, zu einem Spiel, das mir fremd ist, ich streife mit Irina durch das bitterkalte Moskau auf der Suche nach einer Möglichkeit, dem Tod zu entkommen, und ich fiebere mit den beiden in ihrem völlig aussichtslosen Wahlkampf. Irina ist wie gelähmt, und es fällt mir schwer, ihr dabei zuzusehen, wie sie die ihr verbleibende Zeit ungenutzt verstreichen lässt; Alexander dagegen hat gut gelebt und am Ende erkannt, dass er nichts erreicht hat, gar nichts. Das Leben ist groß ist ein Roman über Angst und Verlust, über Macht und Politik, über Schach, Freundschaft und den Schmerz derer, die lieben. Er überzeugt mich mit pointierten Formulierungen, scharfen Beobachtungen, detaillierter Recherchearbeit und – trotz einiger Längen – einer fesselnden Handlung. Dieses Buch ist wie ein Spaziergang im Regen, wie ein Innehalten auf einer Brücke, wo man dem braunen Wasser beim Davonfließen zusieht und spürt, wie einem die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt, während der Regen einem ins Gesicht tropft, weil man natürlich keinen Schirm dabeihat, so ein Moment, in dem man erkennt, wie beängstigend, unbeeinflussbar und kurz es wirklich ist, das Leben. Großartig!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
schön, passend, ruhig.
… fürs Hirn: Schachspiel und Politik.
… fürs Herz: „Er konnte mich nicht aufhalten, so wie letztlich überhaupt niemand irgendwen vom Verlassen abhalten kann.“
… fürs Gedächtnis: „Es hat etwas Intimes, sich Lügengeschichten anzuhören, finde ich – was jemand für wahr halten möchte, sagt mehr über ihn aus als alles, was wirklich geschieht.“

Das Leben ist groß von Jennifer DuBois ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03519-8, 448 Seiten, 22,99 Euro).

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    das Buch liegt hier schon und ich freue mich sehr darauf, es zu lesen. Deine ganze Besprechung lese ich also erst, wenn ich das Buch auch gelesen habe. Ich entnehme ihr aber schon allein beim Überfliegen viel Begeisterung und freue mich nun um so mehr auf die Lektüre.

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    1. Mariki Author

      Ich hoffe, dass es dir auch so gefallen wird wie mir … ich mach mir ja dann immer gleich Sorgen, dass andere sich denken könnten: Was fand die bloß an dem Buch. Aber ich gehe davon aus, dass Jennifer DuBois auch dich mit diesem sanften, ruhigen Roman einfangen wird können.

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  2. Liebe Mariki,
    da ich mich für Bücher, die in Russland spielen, sehr interessiere, komme ich an diesem wohl kaum vorbei. Und dann noch deine feierlichen, verführerischen, schönen Worte! Eine wundervolle Rezension, die wieder einmal Lust aufs Lesen macht. Also rauf auf die superlange Wunschliste, liebes Buch, doch leider musst du dich ein wenig gedulden, weil hier noch so viele andere ungelesene Bücher liegen und sehnsuchtsvoll auf mich warten.

    Ganz herzlich,

    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Oh, eine Leidenschaft für Russland? Das allein ist natürlich schon ein Grund, das Buch zu lesen! Vielleicht kannst du ja im Gegensatz zu mir sogar Schach spielen 😉 Und was superlange Wunschlisten betrifft: Irgendwann kommt die Zeit für jedes Buch …

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