Gut und sättigend: 3 Sterne

Nina Jäckle: Noll

JäckleVom selbstgewählten Ende eines Lebens
„Man muss sich vorstellen, wie das wohl ist, wenn einer den letzten Augenblick gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz, wie das wohl ist, wenn einer geht.“ Noll ist noch nicht alt, aber Noll ist krank. Deshalb hat er beschlossen, dass es an einem Dienstag geschehen soll, um 16 Uhr, dass er aus dem Leben scheidet. Er will diesen Zeitpunkt selbst bestimmen, und zuvor will er sich erinnern: an die alte Geschichte des Großvaters, der sich selbst den Finger abgehackt hat, um nicht in den Krieg zu müssen, an die Beziehung zur Schwester, an die Frauen seines Lebens. Zu ihnen gehört Mara, mit der er nach Spanien ging, wo er ohne sie zurückblieb, Mara, die nirgendwo glücklich sein konnte: „Es ist ein Graus, wie man selbst alles dafür tut, das Glück unmöglich werden zu lassen, findest du nicht, hatte Mara gefragt.“ Das Glück sucht Noll schon lang nicht mehr – nur noch ein bisschen Würde.

Nina Jäckle widmet sich in ihrer kurzen Erzählung Noll auf recht nüchterne Art dem Freitod eines Menschen. Wie mag es sich anfühlen, wenn der Tag näher rückt, wenn die Stunde kommt, in der alles zu Ende sein wird? Die Autorin arbeitet gezielt mit Wiederholungen und Schleifen, immer wieder kehrt sie zurück zu Noll an den Küchentisch, wo er sitzt und nachdenkt, über die praktischen Details seines Selbstmords einerseits und über sein Leben andererseits. Ich setze mich also zu ihm und betrachte diesen kranken Mann, der niemandem etwas von seinem Plan sagt, der sich nicht verabschiedet und der mit seinen schweren Gedanken ganz allein ist. Seine Traurigkeit wird überstimmt von einer festen Entschlossenheit und einem Gefühl der Resignation, das auch all seine Erinnerungen überzieht. Weniger gut gefällt mir der zweite Teil des Buchs, in dem eine von ihrem Leben gelangweilte Versicherungsangestellte zu Wort kommt. Sie versucht, dem Geheimnis von Noll nachzuspüren, aber sie ist eine derart durchsichtige Gestalt, dass ich kein Interesse für sie aufbringen kann. Dennoch hat Nina Jäckles kühler Bericht über einen freiwilligen Abgang eine Wucht, die mich nicht kaltgelassen hat.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
so banal, wie das Leben eben ist.
… fürs Hirn: man muss sich vorstellen, wie das ist, wenn einer geht.
… fürs Herz: recht wenig Selbstmitleid, was gut ist.
… fürs Gedächtnis: eine gewisse Abgebrühtheit.

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