Gut und sättigend: 3 Sterne

Toine Heijmans: Irrfahrt

HeijmansEin Vater, sein Kind, ein Boot und das endlose Meer
Donald hat seinen Job verloren, und er nutzt die gewonnene Zeit, um sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Er segelt über die Nordsee. Auf dem letzten Teil der Strecke, von Thybordøn in Dänemark bis Harlingen in den Niederlanden, begleitet ihn seine kleine Tochter Maria. Donalds Frau Hagar war dagegen, das Kind für zwei Tage auf die unberechenbare See zu lassen, doch der Vater hat sich durchgesetzt. Es dauert nicht lange, bis ein Sturm aufzieht, der Donald an die Grenzen seiner Kraftreserven bringt, muss er doch die Nacht durchwachen und auf den Funk sowie auf andere Schiffe achten. Und während die Müdigkeit ihm langsam den Verstand zerschneidet, stellt sich mitten auf dem hochgepeitschten Gewässer die Frage: Was ist überhaupt real – und was nicht?

Auf der ersten Seite von Toine Heijmans‘ Buch gehe ich auf eine Fahrt, von der klar ist, dass sie gefährlich wird – und mich in die Irre führen soll. Ich klettere an Bord eines Boots, dessen Ziel zwei Tagesreisen entfernt ist und doch, als ein Sturm losbricht, unerreichbar scheint. Den Sturm habe ich erwartet, natürlich, denn was wäre ein Boot auf einem Meer ohne einen Sturm, doch es gelingt dem Autor trotzdem, mir Angst zu machen mit der dunklen See und dem Ich-Erzähler Donald, dem nicht zu trauen ist. Ich weiß, dass er mich belügt. Denn das mit dem In-die-Irre-Führen gelingt dem Autor weniger, schon zu Beginn des Buchs ist mir völlig klar, wie es enden wird, es scheint nur einen logischen Weg auf dem schmalen Grat zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu geben. Das dämpft für mich freilich die Spannung ziemlich, aber ich folge dennoch mit großem Interesse der Fährte, die Toine Heijmans für mich ausgelegt hat, und untersuche fasziniert das Konstrukt, das er entworfen hat. Perfekt eingefangen ist die unheimliche, unheilvolle Stimmung in den grandiosen schwarz-weißen Illustrationen von Jenna Arts, die das Buch besonders machen. Die Sprache ist solide, aber ich hätte sie mir wuchtiger gewünscht, als Gegenpol zum schäumenden Meer.

Irrfahrt ist ein Ausflug, den man nicht machen möchte, ein kleines Stück Horror, eine Welle, die über dem Kopf zusammenschlägt. Es ist, so scheint es mir, Irrsinn, dass Menschen sich freiwillig hinausbegeben auf das gefräßige Meer, und es ist ebenfalls Irrsinn, dass sie denken, genau zu wissen, was sie tun. Denn manchmal kann die Einbildungskraft unglaublich stark sein – und das ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Wer es wagen will, mit Donald und Maria in See zu stechen, dem möchte ich ganz leise und sarkastisch ins Ohr flüstern: Viel Spaß. Und pass auf dich auf.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein tolles Cover, und die Illustrationen im Innenteil sind genial.
… fürs Hirn: was geschieht wirklich und was ist nur Einbildung? Das Hirn ist in Alarmbereitschaft.
… fürs Herz: das Herz erlebt keine Lovestory, darf aber zwischendurch gern mal ein bisschen stehenbleiben.
… fürs Gedächtnis: meine eigene Sherlock-Holmes-Vorausahnungskombinationsfähigkeit.

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    mir hat das Buch auch viel Spaß gemacht und – typisch für mich – hat es auch lange gedauert bei mir, bis ich etwas geahnt habe. Das scheint bei dir nicht ganz so lange gedauert zu haben. 😉 Irgendwie stehe ich in solchen Dingen immer besonders lange auf dem Schlauch, das war auch schon bei „Wir müssen über Kevin reden“ so. Ein großen Reiz bei „Irrfahrt“ haben auf mich in der Tat auch die wunderschönen Illustrationen gemacht. So etwas könnte ich mir ruhig häufiger bei Bücher vorstellen.

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    1. Mariki Author

      Ich kann mir das in diesem Fall aber auch nicht erklären … ich wusste schon, was passieren wird, als Donald am Anfang das Handy in den Backofen legte. Ich vermute, dass mir die Lektüre von „Die Wand der Zeit“ von Alastair Bruce dabei geholfen hat … ich war sofort überaus misstrauisch. Aber ich fand das Buch trotzdem sehr lesenswert, und die Illustrationen sind richtig unheimlich – wunderbar!

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