Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ellen Sussman: An einem Tag in Paris

Sussman„Warum habe ich dann jetzt, wo ich Liebe habe, sofort Angst davor, sie wieder zu verlieren?“
„Hier ist ein guter Ort, um den Verstand zu verlieren“, sagt der französische Privatlehrer Nico zur jungen Highschool-Lehrerin Josie, die er einen Tag lang durch Paris führt. Das Konzept der Sprachschule, für die Nico genauso wie Chantal und Phillipe arbeitet, ist so einfach wie genial: Die Schüler lernen Französisch, indem sie Paris erkunden. Nico ist hinreißend und charmant, und er lenkt Josie von ihrem bleischweren Kummer ab: Der Mann, mit dem sie nach Paris kommen wollte, ist tot. Auch Nico kommt die Ablenkung durch den Flirt mit der hübschen Amerikanerin gelegen: Er ist verliebt in Chantal, die jedoch Phillipes Freundin ist. Dass Chantal mit Nico im Bett war, weiß Phillipe nicht, doch mit der Treue nimmt er es ohnehin nicht so genau: Seine Schülerin, die zweifache Mutter Riley, geht ihm auf die Nerven, ist aber in seinen Augen dennoch eine Frau, die es zu erobern gilt. Chantal dagegen hat einen sehr angenehmen Schüler, den zuvorkommenden Jeremy, der mit einer bekannten Schauspielerin verheiratet ist. Während diese in Paris einen Film dreht, verbringt Jeremy seine Zeit mit Chantal, einer Frau, die scheinbar jedem Mann das Gefühl gibt, etwas für sie zu empfinden. Ein ganz normaler Tag in Paris für die drei Privatlehrer also – und doch ist am Abend, als sie sich wie verabredet in einer Bar treffen, nichts mehr wie zuvor.

Ellen Sussman spricht mit An einem Tag in Paris eine Einladung an mich aus: Lass dich ein bisschen unterhalten, sagt sie, lass dich berieseln, schalt ab, komm nach Paris. Ich fürchte, du bist nicht ganz mein Ding, sage ich zu dem Buch und folge der Einladung nur zögerlich. Und dann geschieht, was immer geschieht, wenn Frauenliteratur richtig gut gemacht ist: Ich bin verblüfft. Denn ich habe engstirnige Vorbehalte gegen der Genre, das oft gewollt heiter und ungewollt dumpfbackig daherkommt. Doch das Schöne an diesem Roman ist: Er ist nicht aufdringlich. Er will mich unterhalten, aber nicht um jeden Preis. Vielmehr erzählt Ellen Sussman ganz flüssig und leicht drei ineinander verwobene Geschichten, zeichnet das Porträt dreier unterschiedlicher junger Menschen und macht auf liebevolle Weise das vielbesungene Paris zu einer Art interaktiven Kulisse. Ich habe heuer im April wunderbare Tage in Paris erlebt, und schon nach wenigen Seiten hat die amerikanische Autorin, die fünf Jahre in Paris gelebt hat, mich am Haken: Ich mag ihre geradlinige, simple Sprache, ich freue mich, nach Paris zurückzukehren, und ich verschlinge das Buch, dessen Einladung ich beinahe ausschlagen wollte, in Stundenschnelle. Romantisch, witzig, sehr vergnüglich und überraschend reflexiv ist es. Und ein bisschen traumwandlerisch verklärt. Wie ein Tag in Paris.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein recht liebevoll gestaltetes Cover.
… fürs Hirn: ach, nein. Wobei das Buch aber keine hirnlose Unterhaltung bietet.
… fürs Herz: jaaa!
… fürs Gedächtnis: der Limes-Verlag, der mich in diesem Jahr schon mit Sarah Winmans Buch Als Gott ein Kaninchen war sehr positiv überrascht hat.

0 Comments

  1. Dieser Roman liegt zur Zeit noch auf meinem SuB und Deine Rezension macht mir Lust ihn aus dem Regal zu holen und ebenfalls nach Paris zu reisen 😉
    Deine Vorbehalte Frauenliteratur gegenüber kann ich nachvollziehen, aber ich denke man kann da ganz klar unterscheiden zwischen Schriftstellerinnen wie Kinsella und Co. und zum Beispiel Sussman, so wie Du sie beschreibst, oder Toni Jordan, die mich persönlich sehr positiv überrascht hat.

    LG, Katarina :)

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    1. Mariki Author

      Mir ging es mit Toni Jordan wie dir – und mit diesem Buch auch. Ich mag ja durchaus was Heiteres zwischendurch lesen, hab dann aber trotzdem einen gewissen Anspruch. Das Buch ist zufällig bei mir gelandet – zum Glück, wie ich jetzt sagen kann 😉 Bestimmt wirst du auch vergnügliche Stunden damit verbringen!

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