Gut und sättigend: 3 Sterne

Noëlle Châtelet: Die Klatschmohnfrau

Chatelet„Wenn man seinem Schicksal begegnet, muß das ein Geheimnis bleiben. Das ist der Preis, den die Magie erfordert“
„Marthe hat soeben ihren ersten Liebesbrief erhalten. Sie ist siebzig Jahre alt.“ Und Felix, der Verfasser des Briefs, ist sogar noch zehn Jahre älter – aber so leidenschaftlich wie ein junger Mann. Die Begegnung mit ihm bringt Bewegung in Marthes beigefarbenes Leben. Zuvor hat das Schicksal ihr nicht viel Liebe beschert, sondern einen langweiligen Ehemann und zwei brave Kinder. Der Mann ist längst tot, die Kinder sind aus dem Haus, als Felix – der Mann mit den tausend Halstüchern – Marthes Alltag durcheinanderwirbelt. Er löst all jene Gefühle in ihr aus, derer sie sich gar nicht fähig glaubte. Aber darf man das überhaupt: sich Hals über Kopf verlieben, wenn man alt ist? Wie geht man um mit den skeptischen Blicken der Nachbarn und der Familie? Und was tun, wenn das Herz will, aber der Körper nicht mehr kann: „Was hat dieser erschöpfte Körper, der sie hemmt und hindert, mit der Leichtigkeit ihrer Seele gemein, die zu allen kühnen Taten bereit ist?“ Marthe tut endlich, was sie will und mit wem sie will. Und sie spürt: Vielleicht wird die Zeit umso intensiver, wenn man weiß, dass einem fast nichts davon bleibt.

Die Klatschmohnfrau von Noëlle Châtelet ist ein kleines würfelförmiges Punschkrapferl: süß und köstlich und klebrig und schnell weg. Ganz heiter und gelöst erzählt die französische Autorin von einer Liebe, die spät, sehr spät, aber gerade noch rechtzeitig kommt. Haut, die schon ganz fahl war, beginnt zu glühen, und zwei Leben, die schon ein bisschen angestaubt waren, kommen noch einmal in Schwung. Das ist schön und romantisch, nur ein klein wenig kitschig und wärmt ganz nebenbei das Herz. Protagonistin Marthe ist eine liebenswürdige alte Dame, cremefarben und gelangweilt, die durch die Begegnung mit Felix mit siebzig Jahren noch einmal oder überhaupt zum ersten Mal aufblüht – und ihre Vorliebe für Klatschmohnrot wiederentdeckt. Ich freue mich aufrichtig für sie und fiebere mit ihr mit, wenn sie sich aufgeregt auf ein Rendezvous vorbereitet, wenn sie zum Café eilt, um Felix zu sehen, wenn sie sich dem Musikgenuss oder der Liebe hingibt. Die Widrigkeiten, die ihnen das Leben entgegenstellt, sind schnell überwunden, und so zwinkere ich Marthe vergnügt zu, bevor ich sie mit ihrem späten, aber umso größeren Glück allein lasse. Und mir die Botschaft des Buchs in glühend goldenen Lettern mit nachhause nehme: Warte nicht, warte niemals, tu alles, was du willst, und tu es jetzt.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
nun ja. Passt immerhin zum Titel, gibt aber sonst nicht viel her.
… fürs Hirn: ach, wer muss schon immer was zu denken haben!
… fürs Herz: da gibt es dafür umso mehr.
… fürs Gedächtnis: die diebische Freude über Marthes Verliebtheit.

0 Comments

  1. Das scheint mir eine außergewöhnliche Liebesgeschichte zu sein, die von Dir so poetisch umschrieben wurde, dass ich richtig Lust kriege sie auch zu lesen :)
    Bisher war ich unschlüssig, da ich wegen des Alters der Protagonisten nicht sicher war, ob ich mich in sie würde hinein versetzen können. Aber Liebe ist immer ein erwärmendes Gefühl, ob nun mit Mitte zwanzig oder jenseits der sechzig. Für die kalten, dunklen Tage scheint mir dieses Punschkrapferl genau das Richtige zu sein 😉

    LG, Katarina :)

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