Für Gourmets: 5 Sterne

Francesca Melandri: Über Meereshöhe

Die Melodie des Meeres
Auf einem ganz besonderen Schiff setzen Paolo und Luisa zu einer abgelegenen Insel über, auf einem Schiff, das die Angehörigen zu den auf der Insel eingesperrten Gefangenen bringt: „Denn will man jemanden wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.“ Sie reisen zusammen, aber nicht gemeinsam: Paolo ist auf dem Weg zu seinem Sohn, der im Namen einer für den Vater nicht greifbaren Revolution Verbrechen begangen hat, Luisa besucht ihren handgreiflichen Ehemann. Als ein Sturm Paolo und Luisa auf der Insel festhält, lernen sie einander kennen, und in der Dunkelheit der Nacht finden sie die Möglichkeit, einander ihren Schmerz anzuvertrauen. Paolo, der gebildete Professor, ist fasziniert von der Einfachheit und Geduld, die Bauersfrau Luisa, deren fünf Kinder in ihrer Abwesenheit den Hof betreuen, an den Tag legt: „Und Paolo hatte den Eindruck, sie nehme alles, was er sagte, in sich auf so wie die Erde den Regen.“ Die zwei Gestrandeten werden von dem Strafvollzugsbeamten Nitti versorgt, und auch für ihn bedeutet diese Nacht einen Wendepunkt: Er, der so viel Leid und Gewalt gesehen hat, hat verlernt, darüber zu sprechen, und er hat sich selbst verloren. Als der nächste Tag beginnt, sind all der Kummer, das Unverständnis und die Sorgen noch da, aber Nitti, Paolo und Luisa haben verstanden, dass sie weiterleben werden – und dass es gut ist, weiterzuleben.

Francesca Melandri hat für ihren vielbeachteten zweiten Roman Über Meereshöhe sehr spannende und konfliktreiche Zutaten gewählt: eine Insel voller Strafgefangener, umgeben vom gnadenlosen Meer, eine stürmische Nacht und drei menschliche Schicksale, die sich verweben. Klingt dramatisch, ist es auch, aber nicht sprachlich. Denn von Anfang an bin ich verzaubert von Francesca Melandris zartem, einfachem, klarem Stil und der liebevollen Art, mit der die Autorin ihre drei Figuren zeichnet, ja streichelt fast, ohne dabei je ins Kitschige abzurutschen. Im Gegenteil: Paolo, Luisa und Nitti bringen jeder für sich eine Geschichte voll Traurigkeit und Reue, voll Wehmut und Bedauern mit. Sie quälen sich selbst mit der Frage, an welcher Wegkreuzung sie falsch abgebogen sind, warum all diese schrecklichen Dinge geschehen sind und wer sie um ihr erhofftes Lebensglück betrogen hat. Einen besseren Ort, um sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen, als die einsame Gefängnisinsel gibt es wohl nicht, und der niedergehende Sturm sorgt für die Prise Dramatik. Ich folge den sanften, klugen Sätzen von Francesca Melandri wie ausgestreuten Blumen über die karge Insel und lausche den vielen leisen Tönen, die als Gesamtbild eine herzzerreißend traurige Melodie ergeben, die weit über das Meer trägt.

Ich bin beeindruckt von Francesca Melandris Talent und ihrer Fähigkeit, die schweren Schicksale ihrer Figuren mit einer derartigen sprachgewandten Leichtigkeit zu erzählen. Das ist eine große Kunst. Ich verschlinge die Seiten mit einer Geschwindigkeit, die mir selbst unheimlich ist, und habe nach zwei Stunden das ganze Buch gefressen. Denn besonders Paolo und Luisa haben sich in mein Herz geschlichen, weil sie beschädigt und zerbrochen sind, weil sie in ihrer Einsamkeit mit einem erleichterten Seufzen nach der Hand des jeweils anderen greifen, um wenigstens für einen Moment nicht allein zu sein. Und als dieser Moment gekommen ist, seufze auch ich erleichtert, so sehr freue ich mich über den Zauber dieses Augenblicks. Genauso wie über dieses grandiose, sehr berührende und glänzend geschriebene Buch.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein stimmungsvolles Bild. Als seien die Menschen gerade erst gegangen, und ihre Gedanken hingen noch in der Luft. Und das Meer, das Meer …
… fürs Hirn: die Verzweiflung darüber, dass man nichts ungeschehen machen kann, auch das nicht, was das eigene Leben zerstört hat.
… fürs Herz: die unendliche Qual, jemanden zu lieben, der ein Verbrechen verübt hat.
… fürs Gedächtnis: das ganze beeindruckende Buch.

Über Meereshöhe von Francesca Melandri ist erschienen im Blessing Verlag (ISBN 978-3-89667-485-2, 256 Seiten, 16,95 Euro).

6 Comments

  1. Fein, fein! Das Buch wurde mir bei meinem letzten Italienbesuch in die Hand gedrückt, ich hatte keine Ahnung von der Autorin oder vom Inhalt, man sagte mir nur, es sei ganz wunderbar. Schön, dass du diese Aussage nun bestätigst und mir mit deinen angenehmen Worten erklärst, weshalb es so wunderbar ist. Jetzt habe ich endlich einen Anreiz, es bald zu lesen.

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  2. lesesilly

    Dieses Buch hört sich ganz nach meinem Geschmack an. Ich finde, italienische Schriftsteller haben eine ganz besondere Art zu schreiben, ähnlich wie französische. Auch ein Kriterium für mich dieses Buch zu lesen ist, dass Du es als Buch des Monats gewählt hast, denn bisher haben mich alle Deine Bücher des Monats, die ich auch gelesen habe, schwer beeindruckt. Vielen Dank für Deine tollen Tipps!
    LG
    lesesilly

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